{"id":1103,"date":"2014-12-16T10:10:42","date_gmt":"2014-12-16T10:10:42","guid":{"rendered":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/?page_id=1103"},"modified":"2015-04-18T09:22:46","modified_gmt":"2015-04-18T07:22:46","slug":"our-world-fifteen","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/our-world-fifteen\/","title":{"rendered":"Our world Fifteen"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/12\/Illu_outofthecave.jpg\" alt=\"Illu_outofthecave\" width=\"507\" height=\"314\" class=\"alignleft size-full wp-image-1094\" srcset=\"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/12\/Illu_outofthecave.jpg 507w, http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/12\/Illu_outofthecave-300x185.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 507px) 100vw, 507px\" \/><\/p>\n<h1>\/\/ Die sechste Macht \/\/<\/h1>\n<h3>\u201eDa soll mir lieber Goya den Schlaf rauben, <br \/> als irgendein Arschloch.\u201c<\/h3>\n<p><\/p>\n<p>Dieser Satz stammt nicht von mir, sondern von Rodrigo Garc\u00eda und seinem Ensemble La Carnicer\u00eda Teatro. Er ist der Titel eines seiner brillantesten St\u00fccke. Darin geht es um einen Mann, der in f\u00fcnfzig Jahren f\u00fcnftausend Euro zusammengespart hat und diese nun f\u00fcr etwas wirklich Lohnendes ausgeben m\u00f6chte. Er plant, sich gemeinsam mit seinen S\u00f6hnen \u00fcber Nacht ins Museo del Prado zu schmuggeln, um dort bei einem Picknick die Schwarzen Bilder Goyas zu betrachten. Die Kinder m\u00f6chten lieber nach Disneyworld, denn, so argumentiert der \u00e4ltere der beiden S\u00f6hne, \u201eum die Tristesse des modernen Menschen zu verstehen, sei es besser, ein Weilchen Mickey Mouse, bzw. einen armen Kerl, der sich zw\u00f6lf Stunden unter einem Fellkost\u00fcm ohne Luftl\u00f6cher die Seele aus dem Leib schwitzt, zu erleben, als \u201eSaturn, einen seiner S\u00f6hne verschlingend\u201c oder \u201eDuell mit Kn\u00fcppeln\u201c oder sonst ein Werk von Goya, Vel\u00e1zquez Zurbar\u00e1n oder El Bosco zu betrachten.<\/p>\n<p>Garc\u00eda beschreibt eine verbrauchte Welt, in der die Anstrengungen eines gesamten Lebens am Kontostand gemessen werden, eine Welt ins Gegenteil verkehrter Werte, die sich selbst am besten in der Traurigkeit eines schlechtbezahlten Jungen, verborgen unter einem falschen Trugbild des Wohlstands, beschreibt. Es ist etwas faul an einer Gesellschaft, f\u00fcr die \u201eSelfie\u201c eher ein Begriff ist als Goya.<\/p>\n<p>Ich glaube, ich sage nichts Neues, aber gestatten Sie mir dennoch, Ihnen einige Dinge ins Ged\u00e4chtnis zu rufen. Die Welt ist ekelhaft. Das wissen wir alle. Sie ist so organisiert, dass uns nur noch die Flucht zu Mickey Mouse bleibt. Goya ist zu langweilig, wir k\u00f6nnen nichts mit ihm anfangen. Und das gilt sogar f\u00fcr diejenigen von uns, die ein Dach \u00fcber dem Kopf und die warme Mahlzeit sicher haben, denn f\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit aller Menschen, f\u00fcr die es das nicht gibt, ist die Welt doppelt ekelhaft. Wir haben Entwicklung mit Fortschritt verwechselt; denn, w\u00e4hrend \u201eEntwicklung\u201c eine wirtschaftliche Kategorie ist, in der es ein paar gro\u00dfe Boxchampions und viele kleine Faustk\u00e4mpfer gibt, die sich f\u00fcr einen Provinztitel aufreiben, meint \u201eFortschritt\u201c ein gemeinsames Fortkommen der gesamten Gesellschaft.<\/p>\n<p>Nicht, dass ich darauf beim Schauen des St\u00fcckes von Rodrigo Garc\u00eda gekommen w\u00e4re \u2013 die Welt war bereits ekelhaft, bevor ich aus dem Theater ging. Dennoch hat mich die k\u00fcnstlerische Erfahrung zum Nachdenken gebracht\u00a0\u2011\u00a0 und das ist schlie\u00dflich der Sinn der Sache. Ich habe mich gefragt, was ich konkret tun k\u00f6nnte, um die Welt zu ver\u00e4ndern, sie zu verbessern. Nun bin ich ein gesellschaftlicher Nichtsnutz, die Art von Mensch, die dem Fortschritt der Welt im Wege steht. Weder gehe ich zu Demonstrationen oder Protestversammlungen, noch beteilige ich mich an Solidarit\u00e4tsaktionen, hisse Fahnen oder bin in anderer Weise aktiv. Dabei bewundere ich diejenigen, die so etwas tun, nur halte ich die Aktionen f\u00fcr Palliativma\u00dfnahmen, die das Problem nicht bei der Wurzel packen. Irgendein Findiger schafft es immer, das geeinte Volk zu besiegen. Das Problem ist der Ehrgeiz ohne Ethos, ohne Bewusstsein um die Belange des anderen. Und das Ergebnis ist eine Gesellschaft wie die unsere.<\/p>\n<h3>Wie k\u00f6nnen wir dieses Modell r\u00fcckg\u00e4ngig machen?<\/h3>\n<p><\/p>\n<p>Als ich zu Bett ging, war ich noch immer ein sozialer Nichtsnutz. Mitten in der Nacht jedoch erschien mir Goya und sprach zu mir von den Ungeheuern, die der Schlaf der Vernunft gebiert \u2013 und fortan war mir alles klar: Lehrer. Ich muss Lehrer werden. Bildung ist die beste mir bekannte Form von gesellschaftlichem Engagement. Meine Vorstellung von gesellschaftlicher Revolution ist es, an der Erziehung freier B\u00fcrger mitzuwirken. Eine Welt mit denkf\u00e4higen Wesen ist, wenn schon nicht die beste, so zumindest eine bessere Welt. Der soziale Fortschritt, von dem ich sprach, geht durch die H\u00e4nde freier und kritischer Geister, die unter Ber\u00fccksichtigung moralischer Kriterien auszuw\u00e4hlen imstande sind. Damit will ich nicht gesagt haben, dass der Weg \u00fcber Hochkultur in Form des Betrachtens von Goyas Bildern f\u00fchren muss. Ich meine, es ist einfacher, einen gesunden Menschenverstand zu entwickeln, wenn man dabei unterst\u00fctzt wird, sich in diesem Sinne zu bilden.<\/p>\n<p>Soll aber nun mit Bildung tats\u00e4chlich ein Kanon von Werten und Kenntnissen eingetrichtert werden, der eben dazu festgelegt wurde? Gibt es ein Rezept f\u00fcr gesellschaftlichen Fortschritt? Schauen wir auf die Etymologie. \u201eBilden\u201c, in meiner Muttersprache Spanisch \u201eeducar\u201c, kommt von den lateinischen W\u00f6rtern educare und educere. Das erste, das dem spanischen Verb und den g\u00e4ngigen Bildungsmodellen am n\u00e4chsten kommt, bedeutet bilden, instruieren. Bildung ist somit die Anpassung eines Individuums als Bestandteil einer sozialen Gruppe, deren Kultur es zu verinnerlichen lernt, an sein Umfeld. Ein menschliches Wesen sollte jedoch f\u00e4hig sein, sein Umfeld zu ver\u00e4ndern, gesellschaftlichen Fortschritt anzustreben. Dies gelingt nicht, indem der Mensch ein Gebilde von Kenntnissen und Werten der vorangegangenen Generation \u00fcbernimmt. Hier kommt das lateinische Verb educere ins Spiel, welches so viel bedeutet wie herausziehen. In diesem Sinne bedeutet Bildung, das Individuum dabei zu unterst\u00fctzen, sein Potenzial zu nutzen, selbstbestimmtes Lernen zu f\u00f6rdern, wobei das Individuum als Protagonist selbst entdeckt und sich nicht darauf beschr\u00e4nkt, das von anderen Entdeckte aufzunehmen.<\/p>\n<p>Den alten Griechen verdanken wir den Begriff der M\u00e4eutik, (maieutik\u1e17 t\u00e9chn\u0113), auch \u201eHebammenkunst\u201c genannt. Sokrates verglich die Lehre mit der T\u00e4tigkeit einer Hebamme, die ihrem Sch\u00fctzling \u201eans Licht hilft\u201c. Entsprechend weist der Lehrer seinem Sch\u00fcler den Weg zur Erkenntnis, dazu, die Wahrheit aus eigener Kraft herauszufinden. Nur interessiert das keinen, es ist kompliziert und erfordert Anstrengung von beiden Seiten. Und es ist nicht immer einfach, die Entscheidung anderer \u00fcber einen selbst aufzugeben. Erich Fromm sprach von der \u201eFurcht vor der Freiheit\u201c.<\/p>\n<p>Seit den Zeiten der Industriellen Revolution gilt Bildung als Mittel zur Heranziehung von Fachkr\u00e4ften, das sich immer mehr den Erfordernissen des Marktes angepasst hat. Dabei ging es mehr um educare als um educere, um Unterweisung und Verankerung von Automatismen, nicht um Erweiterung der menschlichen F\u00e4higkeiten. Letzten Endes handelt es sich um eine instrumentale Bef\u00e4higung im Dienste der wirtschaftlichen Entwicklung und nicht im Sinne des gesellschaftlichen Fortschritts.<\/p>\n<p>Die Bildung einer Generation \u2013 nicht nur die formale, sondern die im Sinne der Gemeinschaft \u2013\u00a0wird jeweils von der vorangegangenen Generation bestimmt. Das Festhalten am geltenden Modell der Machthabenden hemmt den Fortschritt. W\u00e4re hingegen der Bildungsempf\u00e4nger Herr \u00fcber sein eigenes Lernen, k\u00f6nnte er seine eigene Wirklichkeit formen \u2013 informieren im etymologischen Sinn \u2013 ausgehend von seinen Interessen. Das hat bereits Platon in seinem H\u00f6hlengleichnis erkl\u00e4rt, in dem es darum geht, statt der an eine Wand geworfenen Schatten mit eigenen Augen die Gegenst\u00e4nde zu erkennen, die diese Schatten werfen. Zumindest w\u00e4re das ein erster Schritt hin zu gesellschaftlichem Fortschritt. Hinaustreten in das Licht und die Wahrheit finden \u2013 das klingt hocht\u00f6nend und utopisch.<\/p>\n<h3>Die sechste Macht<\/h3>\n<p><\/p>\n<p>Einer der gr\u00f6\u00dften gesellschaftlichen Fortschritte war das Konzept der Gewaltenteilung, die uns aus dem aufgekl\u00e4rten Frankreich zuteil wurde. Ebenfalls im 18. Jahrhundert schenkte uns das Vereinigte K\u00f6nigreich die Idee der Massenmedien, die freie Presse, die als vierte Gewalt zur Kontrolle der anderen drei dienen sollte, heute jedoch zum Werkzeug der Wirtschaft als sogenannte f\u00fcnfte Macht, die eigentlich die erste ist, verkommen ist. Die Massenmedien sind zum Instrument des Kontrolleurs geworden. So hat die vierte Gewalt bei der Aus\u00fcbung ihres gesellschaftlichen Auftrags versagt. Deshalb stehen wir nun vor der Aufgabe, eine neue Gewalt zu schaffen, um die Kontrolle wiederzuerlangen, die uns entrissen wurde, w\u00e4hrend wir den Schlaf der Vernunft schliefen.<\/p>\n<p>Die wirkliche Revolution besteht darin, kritischen, ethisch handelnden, freien, gebildeten Menschen \u201eans Licht zu helfen\u201c und damit einer sechsten Gewalt, die die anderen f\u00fcnf zu regulieren vermag, um eine Welt zu schaffen, wie sie der Mensch braucht. Der Wirtschaft muss das Videospiel-Endmonster entrissen werden, sein Status der ersten Gewalt. Egoismus entsteht aus Ignoranz. Ein gebildetes Individuum wird diese Wahrheit verstehen, wird verstehen, dass es besser ist, wenn alle zu essen und ein Dach \u00fcber dem Kopf sowie eine Wahl haben. Sicher gilt das nicht f\u00fcr alle, aber dennoch f\u00fcr gen\u00fcgend, um die anderen im Zaum zu halten. Irgendwo muss man beginnen. Der menschliche Ehrgeiz ist immer noch da, er steckt in uns und ist treuer als Eheleute.<\/p>\n<p>Die Schaffung einer Welt, wo jeder Herr seines Schicksals ist, ist eine Herkulesaufgabe, denn sie w\u00fcrde eine komplette Umgestaltung der Gesellschaft erfordern. Es ist ein bidirektionaler Prozess. In einer Welt, wo billige Arbeitskr\u00e4fte, gehorsame oder einfach ern\u00fcchterte Ausf\u00fchrende gebraucht werden, ist das ein komplexes Vorhaben. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir die sechste Gewalt etablieren. Jeder B\u00fcrger muss Lehrer sein oder Hebamme, um vom Modell der wirtschaftlichen Beziehungen als treibende Kraft der Geschichte wegzukommen, hin zu einer Gesellschaft, in der Freude und Wahlfreiheit des Individuums auf der Tagesordnung stehen. Unsere Generation ist daf\u00fcr schon zu verbogen, aber wir haben es immer noch in der Hand, den Kommenden \u201eans Licht zu helfen\u201c. Die S\u00f6hne von Rodrigo Garc\u00eda waren letztendlich einverstanden, sich anstatt Disneyworld \u00fcber Nacht in den Prado hineinzuschummeln und die Bilder Goyas zu betrachten. Das ist eine einfache kleine Revolution, f\u00fcr jedermann m\u00f6glich. Man muss daf\u00fcr nur den Blick wieder auf die Dinge richten, die wichtig sind, die uns unsere Welt und uns selbst erkl\u00e4ren. Werdet zur sechsten Gewalt \u2013 oder wie Francis Ford Coppola sagte: \u201eSeien Sie gro\u00dfartig!\u201c<br \/>\n\u00a0<\/p>\n<h3>Patricio de la Torre Becerra<\/h3>\n<blockquote><p>Patricio de la Torre Becerra wurde 1979 im spanischen Granada geboren. Er hat an der Universidad Hispalense in Sevilla ein Studium der Kommunikationswissen-  <br \/> schaften und an der Universit\u00e4t Granada ein Lehramtsstudium f\u00fcr Spanische Sprache und Literatur absolviert. In den vergangenen 15 Jahren war er intensiv f\u00fcr verschiedene Medien t\u00e4tig. Zurzeit arbeitet er als Journalist beim deutschen Auslandsfernsehkanal Deutsche Welle.<\/p><\/blockquote>\n<h3>Manuel Cabrera<\/h3>\n<blockquote><p>Manuel Cabrera wurde 1986 in Mexiko Stadt geboren. Er studierte Grafikdesign an der Universidad Iberoamericana. Zur Zeit arbeitet er als freischaffender Grafikdesigner und Illustrator, w\u00e4hrend er dabei ist, ein zweites Studium in Architektur zu beenden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dezember 2014<br \/>\n\u00a9 Santacruz International Communication <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\/\/ Die sechste Macht \/\/ \u201eDa soll mir lieber Goya den Schlaf rauben, als irgendein Arschloch.\u201c Dieser Satz stammt nicht von mir, sondern von Rodrigo Garc\u00eda und seinem Ensemble La Carnicer\u00eda Teatro. Er ist der Titel eines seiner brillantesten St\u00fccke. 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