{"id":1401,"date":"2015-07-16T11:07:20","date_gmt":"2015-07-16T09:07:20","guid":{"rendered":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/?page_id=1401"},"modified":"2015-07-16T11:08:46","modified_gmt":"2015-07-16T09:08:46","slug":"our-world-twenty-two","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/our-world-twenty-two\/","title":{"rendered":"Our World Twenty-Two"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2015\/07\/Illu_TheChase.jpg\" alt=\"Illu_TheChase\" width=\"507\" height=\"315\" class=\"alignleft size-full wp-image-1402\" srcset=\"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2015\/07\/Illu_TheChase.jpg 507w, http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2015\/07\/Illu_TheChase-300x186.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 507px) 100vw, 507px\" \/><\/p>\n<h1> \/\/ Die Informationsflut b\u00e4ndigen: Die Personalisierung und die Zukunft von Nachrichten \/\/<\/h1>\n<p>Bis vor Kurzem war es \u00fcblich, sich anhand einer Tageszeitung oder einer Nachrichtensendung in Radio oder Fernsehen \u00fcber das Weltgeschehen zu informieren. Nachrichtendienstleister konnten sich darauf verlassen, dass wir unsere Tageszeitung regelm\u00e4\u00dfig kaufen oder geduldig darauf warten, dass uns die Nachrichten zu einem vorgegebenen Zeitpunkt des Tages vorgetragen werden. In diesem Sinne waren Nachrichten ein berechenbares Produkt und wir wurden bereitwillig zu loyalen Anh\u00e4ngern bestimmter Programme oder Sender. Heutzutage, da wir unsere Nachrichten durch eine zunehmend gro\u00dfe Vielfalt an Anbietern und in unterschiedlichen Formaten erhalten, m\u00fcssen Medienunternehmen sich verst\u00e4rkt bem\u00fchen, um sich unsere Loyalit\u00e4t zu sichern. Sie nutzen neue Methoden, um die Informationsvermittlung genau auf unsere Bed\u00fcrfnisse zuzuschneiden. Seit Kurzem interessieren sich Wissenschaftler daf\u00fcr, wie dies gemacht wird und welche Auswirkungen es haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Um die immer st\u00e4rker fragmentierten Zielgruppen f\u00fcr sich zu gewinnen, bieten Nachrichtendienstleister uns die M\u00f6glichkeit, uns selbst auszusuchen, welche Nachrichten wir erhalten wollen. Nachrichten werden so zu einem ma\u00dfgeschneiderten Produkt. Die British Broadcasting Corporation (BBC) ist eine der nationalen Nachrichtenagenturen, die diesen Service seit Kurzem anbietet \u2013 seit Januar dieses Jahres wurde eine individuelle Nachrichten-Funktion auf der Website hinzugef\u00fcgt (\u201eBBC My News\u201c). Jedoch glauben viele, dass dies den Beginn eines Prozesses markiert, durch den Medienunternehmen und unsere Loyalit\u00e4t ihnen gegen\u00fcber in der Zukunft immer mehr an Bedeutung verlieren, w\u00e4hrend unsere Erwartungen an das Internet immer gr\u00f6\u00dfer werden.<\/p>\n<p>Das Konzept individueller Nachrichten hat eine lange Geschichte und wurde schon vor mehr als 20 Jahren von Nicholas Negroponte in seinem Buch \u201eTotal digital\u201c (\u201eBeing Digital\u201c) beschrieben. Er schl\u00e4gt vor, ein sogenanntes \u201eDaily Me\u201c zu erstellen, eine digitale Zeitung, ma\u00dfgeschneidert von uns selbst, und exakt auf unsere individuellen Interessen und Bed\u00fcrfnisse zugeschnitten. Zun\u00e4chst hervorgerufen durch die Erkenntnis, dass das Internet einen m\u00f6glicherweise \u00fcberw\u00e4ltigenden Nachrichten- und Informationsfluss mit sich bringen w\u00fcrde, glaubte Negroponte, dass individualisierte, pers\u00f6nliche Filtersysteme notwendig w\u00e4ren, um eine Informations\u00fcberflutung zu verhindern.<\/p>\n<p>Mittlerweile ist Personalisierung l\u00e4ngst Realit\u00e4t, und sie kann unterschiedliche Formen annehmen. Man kann entweder seine eigenen Vorlieben angeben, wobei man aus einem Men\u00fc unterschiedlicher Kategorien von Nachrichtenthemen einer Website w\u00e4hlen und sich daf\u00fcr entscheiden kann, Benachrichtigungen zu erhalten und nur Berichte zu diesen Themen pr\u00e4sentiert zu bekommen, sobald man diese Nachrichtenseite aufruft. Oder die Vorlieben k\u00f6nnen \u201eimplizit\u201c vom System selbst festgelegt werden. Das bedeutet, dass entweder pers\u00f6nliche Informationen gesammelt werden, wenn man sich auf einer Nachrichten-Website registriert, oder es werden Daten von der Nachrichten-Website zum Online-Verhalten gesammelt \u2013 die Seiten, die man aufgerufen hat oder die Beitr\u00e4ge, die man gelesen hat. Diese Form der Personalisierung kann auch das so genannte \u201ekollaborative Filtern\u201c beinhalten, wobei Nachrichtenmeldungen durch Algorithmen einer Website gesammelt und uns dann als Empfehlung pr\u00e4sentiert werden.<br \/>\nDie meisten Nachrichten-Websites nutzen diese Algorithmen. Wir sind sicherlich alle vertraut mit den als \u201eam meisten gelesen\u201c oder \u201eam beliebtesten\u201c eingestuften Meldungen, die auf unseren Bildschirmen erscheinen. Einige Nachrichten-Websites bieten uns auch bestimmte Nachrichten aufgrund von Empfehlungen durch Mitglieder unserer sozialen Netzwerke. Das bedeutet, dass die Empfehlungen unabh\u00e4ngig von unserer Nutzung einer bestimmten Nachrichten-Website kommen (Facebook z. B. ist in dieser Form mit Nachrichten-Websites verlinkt). <\/p>\n<p>Wissenschaftliche Studien zum Thema haben gezeigt, dass wir uns bei der Personalisierung von Nachrichten eher passiv als aktiv verhalten. Wir sind offenbar nicht besonders gut darin, das \u201eDaily Me\u201c f\u00fcr uns selbst zu erstellen. Auch wenn der Eindruck entsteht, dass wir Wahlm\u00f6glichkeiten sch\u00e4tzen, sind es meist die Anbieter, die die Nachrichten f\u00fcr uns individuell gestalten. Die Mehrheit der Nutzer von Nachrichten-Websites gestattet den Nachrichtenanbietern bewusst oder unbewusst, die f\u00fcr sie bestimmten Inhalte zu filtern. Es gab in den vergangenen Jahren eine beachtliche Zunahme dieser Form von passiver Personalisierung bei Nachrichten-Websites. Einer der Hauptgr\u00fcnde daf\u00fcr ist, dass diese Art von Personalisierung Anbietern von Nachrichten dabei hilft, ihre Bindung zu uns zu st\u00e4rken. So besuchen wir Nachrichten-Websites, die genau die Nachrichten bieten, die wir wollen und in der Art pr\u00e4sentieren, wie wir es m\u00f6gen, immer wieder (das ist entscheidend zu Zeiten schrumpfender Leserschaft). Jedoch hat sich die Werbeindustrie auch mit Begeisterung der passiven Personalisierung angenommen und sammelt eifrig Daten zu unseren Interessen. Dieses Verfahren gibt Werbenden ausf\u00fchrliche Informationen \u00fcber uns und unser Verhalten, was ihnen wiederum dabei hilft, bestimmte M\u00e4rkte zu identifizieren und sich gezielt an diese zu richten. Betreiber von Websites nutzen immer komplexere Algorithmen, um diese Daten zu Konsumentenprofilen zu sammeln. Wie schon der amerikanische Medienwissenschaftler Joseph Turrow vor Kurzem sagte: \u201eWerbung basiert zunehmend auf Daten, von denen wir nicht wussten, dass sie gesammelt werden, und auf individuellen Profilen, von denen wir nicht wussten, dass wir sie haben\u201c.<\/p>\n<p>Die Zunahme personalisierter Nachrichten hat auch zahlreiche andere Bedenken hervorgerufen. So sind beispielsweise Journalisten nicht eben erfreut dar\u00fcber, da sie glauben, dass diese Entwicklung ihre traditionelle Rolle in Frage stellt. Es war stets eine der wesentlichen Aufgaben des Journalisten, den Informationsfluss \u00fcber das Weltgeschehen zu b\u00e4ndigen, indem Sie uns nur von den wichtigsten oder interessantesten Ereignissen des Tages berichten. Nun scheint sich die Macht, zu entscheiden, was wichtig oder interessant ist, von den Journalisten wegzubewegen.<\/p>\n<p>Andere wiederum haben tiefergreifende Bedenken. Der amerikanische Rechtswissenschaftler Cass Sunstein behauptet, dass die Personalisierung von Nachrichten verhindert, dass Menschen wie zu Zeiten vor dem Internet einer gro\u00dfen Bandbreite an Themen ausgesetzt werden. Das wird oft als \u201eVerlust der Zufallsentdeckung\u201c beim Lesen von Nachrichten bezeichnet. Die Personalisierung zieht nach sich, dass weniger Ereignisse und Vorf\u00e4lle allgemeine Bekanntheit erlangen. Und da sie uns erm\u00f6glicht, Nachrichten \u00fcber Themen und Angelegenheiten, die uns nicht interessieren oder ber\u00fchren, herauszufiltern, wird es durch die Personalisierung  unwahrscheinlicher, dass wir mit Ansichten konfrontiert werden, die unseren eigenen widersprechen. Dies k\u00f6nnte sogar bewirken, dass sich unsere politischen Ansichten noch weiter verfestigen, da wir gegens\u00e4tzliche und widerspr\u00fcchliche politische Debatten und Anschauungen einfacher umgehen und uns so davon abgrenzen k\u00f6nnen. W\u00e4hrend traditionelle Formen der Nachrichtenverbreitung wie Zeitungen verk\u00fcmmern und Sendepl\u00e4tze f\u00fcr Nachrichten in Radio- und Fernsehprogrammen durch kommerziell ausgerichtete Sendungen verdr\u00e4ngt wird, werden diejenigen ohne Zugang zum digitalen Universum noch st\u00e4rker von den bedeutenden Ereignissen der Welt abgeschnitten.<\/p>\n<p>Um diesen Bedenken Rechnung zu tragen, wurde die Arbeit von Computeringenieuren, die Systeme entwickeln, um uns eine noch weiter personalisierte und individualisierte Interneterfahrung zu bieten, in den Fokus der Wissenschaft ger\u00fcckt. Eine optimistische Auffassung ist, dass diese Systeme die Einschr\u00e4nkungen durch die Personalisierung dadurch wieder ausgleichen, dass sie mithilfe von Informationen, die sie \u00fcber uns sammeln, eine Art \u201ek\u00fcnstliche Zufallsentdeckung\u201c in unseren Online-Begegnungen mit Nachrichten schaffen. Google befindet sich an der Spitze dieser Entwicklung und arbeitet an einem System, das alle Informationen, die es \u00fcber uns hat, verwendet, um Nachrichten immer dynamischer auszuw\u00e4hlen und zu pr\u00e4sentieren. Informationen \u00fcber unsere Google-Suchmuster, Analysen von Inhalt und Tonalit\u00e4t unserer E-Mails, unsere Blogeintr\u00e4ge, die Nachrichtenthemen, denen wir am meisten Zeit widmen, die Fernsehprogramme, die wir ansehen, die Termine in unserem Kalender, unsere Fahrpl\u00e4ne und Fahrzeiten, unsere GPS-Daten und die Muster unserer Telefonate (wer ruft uns an, wen rufen wir an, wie oft und wie lange) werden alle kontinuierlich gesammelt, um ein immer detaillierteres Profil von uns und den Dingen, die wir tun, zu erstellen. Diese Daten helfen Google dabei, eine so genannte \u201evorausschauende Suche\u201d zu entwickeln. Die Funktion \u201eGoogle Now\u201c der Google Suchmaschine nutzt unsere Daten, um voraussagen zu k\u00f6nnen, was wir wissen wollen, um uns die M\u00fche zu ersparen, selbst danach zu suchen. Ein gutes Beispiel daf\u00fcr ist die Funktion \u201eVerkehrslage\u201c. Da Ihr Handy Ihren Arbeitsweg und die Verkehrsmittel, die Sie am h\u00e4ufigsten nutzen, \u201ekennt\u201c, versorgt Google Sie gegen Feierabend automatisch mit aktuellen Informationen zu ihrem Nachhauseweg (Verkehrsmeldungen, alternative Strecken). Google zielt darauf ab, vorauszusehen, welche n\u00fctzlichen Informationen Sie brauchen und \u00fcbermittelt diese, wenn Sie diese ben\u00f6tigen. Das ist zweifellos viel n\u00fctzlicher f\u00fcr uns als die Werbung, die uns verfolgt, wenn wir von einer Website zur anderen wechseln (hier wird unser Interesse, ein bestimmtes Produkt zu kaufen, nur sehr ungenau prognostiziert).<\/p>\n<p>Google hat mehrere Jahre lang an einem Nachrichtendienst gearbeitet, der in Google Now integriert ist, aber parallel l\u00e4uft. Dieser sammelt alle Daten, die er braucht, um uns so Berichte, die in Verbindung zu anderen Informationen, die wir gesucht, erhalten und mit denen wir uns in der Vergangenheit besch\u00e4ftigt haben, anzubieten. Das Ziel ist, s\u00e4mtliche unserer Aktivit\u00e4ten mit denen Millionen anderer zu vergleichen, um somit die Daten in unseren Profilen so detailliert zu erstellen, dass unser Computer, Smartphone oder Tablet dazu in der Lage ist, zu jedem Zeitpunkt vorauszusehen, welche Meldungen wir brauchen oder an welchen Nachrichten wir wahrscheinlich Interesse haben. Zwar l\u00e4sst dies sich nicht vergleichen mit dem Erlebnis, durch die Seiten unserer Tageszeitung zu bl\u00e4ttern, sie zu \u00fcberfliegen und innezuhalten, wenn uns etwas ins Auge f\u00e4llt, jedoch wird uns ein Nachrichtenangebot pr\u00e4sentiert, das uns vermutlich mehr interessiert und n\u00fctzt als die ungefilterte Nachrichtenflut, die mittlerweile auf uns einstr\u00f6mt.<\/p>\n<p>Ist das also die Zukunft unserer Nachrichten? Selbstverst\u00e4ndlich gibt es Bedenken gegen\u00fcber Google, aufgrund der zunehmenden Menge von Informationen, die \u00fcber uns gesammelt, gespeichert und f\u00fcr Werbezwecke verkauft werden k\u00f6nnen. Google ist ein Medienunternehmen mit einem Quasi-Monopol, das wir mittlerweile eher so behandeln wie ein \u00f6ffentliches Versorgungsunternehmen. Es hat jedoch keine der Rechenschaftspflichten solcher Einrichtungen. Google hat das Potenzial, die Rolle des Gatekeepers einzunehmen, indem es die f\u00fcr uns bestimmten Informationen filtert, wenn wir seine Dienste nutzen. Darum haben wir allen Grund dazu, vorsichtig zu sein. Im Silicon Valley schweigt man zu dem gro\u00dfen Problem der digitalen Ausgrenzung: Nicht jeder hat die M\u00f6glichkeit, von den neuen Tools und Diensten zu profitieren, die uns angeboten werden.<\/p>\n<p>Die Wissenschaft wird diese Entwicklungen weiterhin genau beobachten m\u00fcssen, da Nachrichten und die Form, in der wie sie erhalten, sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndern. Vielleicht werden wir in Zukunft nicht mehr aktiv nach Nachrichten suchen, wie damals, als wir unsere Tageszeitungen kauften oder unsere Fernseher und Radios einschalteten. Vielleicht k\u00f6nnen uns unsere digitalen Ger\u00e4te schon bald mitteilen, was wir wissen m\u00fcssen, bevor wir es selbst merken.<\/p>\n<h3>Dr. Roger Dickinson<\/h3>\n<blockquote><p> Dr. Roger Dickinson ist Sozialwissenschaftler mit Spezialgebiet Medien- und Kommunikationswissenschaften. Zurzeit ist er Dozent f\u00fcr Medien- und Kommunikationswissenschaften an der University of Leicester in England. In seiner Forschungsarbeit hat er sich zuletzt schwerpunktm\u00e4\u00dfig dem Journalismus und der Arbeit von Journalisten, insbesondere der Rolle von digitalen Technologien und sozialen Medien bei der Produktion von Nachrichten, gewidmet. <\/p><\/blockquote>\n<h3>Manuel Cabrera<\/h3>\n<blockquote><p>Manuel Cabrera wurde 1986 in Mexiko Stadt geboren. Er studierte Grafikdesign an der Universidad Iberoamericana. Zur Zeit arbeitet er als freischaffender Grafikdesigner und Illustrator, w\u00e4hrend er dabei ist, ein zweites Studium in Architektur zu beenden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Juli 2015<br \/>\n\u00a9 Santacruz International Communication<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\/\/ Die Informationsflut b\u00e4ndigen: Die Personalisierung und die Zukunft von Nachrichten \/\/ Bis vor Kurzem war es \u00fcblich, sich anhand einer Tageszeitung oder einer Nachrichtensendung in Radio oder Fernsehen \u00fcber das Weltgeschehen zu informieren. 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