{"id":759,"date":"2013-11-14T14:00:12","date_gmt":"2013-11-14T14:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/?page_id=759"},"modified":"2015-04-18T09:25:30","modified_gmt":"2015-04-18T07:25:30","slug":"our-world-two","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/our-world-two\/","title":{"rendered":"Our World Two"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2013\/11\/Illustration-2.jpg\" alt=\"Illustration-2\" width=\"507\" height=\"340\" class=\"alignnone size-full wp-image-754\" srcset=\"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2013\/11\/Illustration-2.jpg 507w, http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2013\/11\/Illustration-2-300x201.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 507px) 100vw, 507px\" \/><\/p>\n<h1>\/\/ Scheherazade und die Algebra \/\/<\/h1>\n<p>Jeder kennt die Geschichte der Scheherazade, Heldin und Erz\u00e4hlerin der gesammelten Geschichten aus \u201eTausendundeiner Nacht\u201c: Als der Sultan Schariyar herausfindet, dass seine Frau ihn mit einem Sklaven betrogen hat, beschlie\u00dft er, sich jede Nacht eine neue Frau zu nehmen und sie am darauffolgenden Tag hinrichten zu lassen, um einem weiteren Ehebruch vorzubeugen. Scheherazade, die Tochter des Wesirs, bietet sich gegen den Willen ihres Vaters, dem Sultan aus freien St\u00fccken als neue Ehefrau an, doch sie entgeht ihrer Hinrichtung, indem sie jede Nacht eine neue Geschichte beginnt, ohne sie zu Ende zu erz\u00e4hlen. Jeden Morgen begnadigt sie der Sultan aufs Neue, um das Ende der Geschichte zu h\u00f6ren. So geht es 1001 N\u00e4chte lang.<\/p>\n<p>Das Werk ist eigentlich eine Zusammenstellung von Legenden, die nachtr\u00e4glich um Erz\u00e4hlungen aus anderen Regionen aus dem arabischen Einflussbereich erweitert wurde. Jorge Luis Borges schrieb: \u201eIm 15. Jahrhundert werden in Alexandria, der Stadt Alexanders des Gro\u00dfen, eine Reihe von Fabeln gesammelt, die eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Geschichte haben. Man erz\u00e4hlt sie sich zun\u00e4chst in Indien, dann in Persien, dann in Kleinasien und schlussendlich werden sie in arabischer Schrift in Kairo gesammelt. Es ist das Buch von Tausendundeiner Nacht.\u201d<\/p>\n<p>Das Werk erstreckt sich \u00fcber das so genannte goldene Zeitalter des Islam, als die arabische Kultur in Persien, der arabischen Halbinsel, gro\u00dfen Teilen Asiens sowie Nordafrika dominierte. Zwischen 800 und 1300 n. Chr. traten die Araber somit in den Bereichen der Wissenschaft und Technologie das Erbe der \u00c4gypter, Babylonier, Griechen und R\u00f6mer an. In Bagdad, seit dem 9. Jahrhundert n.Chr. Hauptstadt des arabischen Imperiums, wurden \u00dcbersetzungen von hebr\u00e4ischen, griechischen und lateinischen B\u00fcchern angefertigt und wissenschaftliche Werke aller Disziplinen zusammengetragen. Das \u201eHaus der Weisheit\u201d in Bagdad w\u00fcrden wir heute als den\u201eThink-Tank\u201d des Kalifats bezeichnen. Urspr\u00fcnglich eine Bibliothek, entwickelte sich das Bait al-Hikma zum Treffpunkt und Arbeitsort der gro\u00dfen Gelehrten der Zeit. <\/p>\n<p>In diesen Kontext bettet sich \u201eTausend und eine Nacht\u201d \u2013 eine Zeit, in der Arabien zu einem h\u00f6chst dynamischen wissenschaftlichen Zentrum avancierte. Im Zentrum mehrerer Erz\u00e4hlungen steht Harun ar-Raschid, ein Kalif aus jenem Geschlecht, das es schaffte, die Hauptstadt des Imperiums aus Andalusien nach Bagdad zu verlagern. Obwohl es in \u201eTausendundeiner Nacht\u201d keine Referenzen auf das Haus der Weisheit gibt, finden die Bibliotheken des Kalifs darin Erw\u00e4hnung. Mehr als einmal dient ein Buch als Ausgangspunkt f\u00fcr die Erz\u00e4hlungen Scheherazades.<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrt uns zu der Geschichte eines Mannes, der w\u00e4hrend dieses goldenen Zeitalters lebte und im Haus der Weisheit wirkte. Ein arabischer Mathematiker, der legend\u00e4ren Ruhm als der Euklid und Diophant der arabischen Mathematik genoss und der es verdient h\u00e4tte, im Zentrum vieler Geschichten aus dem Mund von Scheherazade zu stehen. Abu Dscha&#8217;far Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi, besser bekannt als al-Chwarizmi, wurde irgendwo im arabischen Imperium geboren, m\u00f6glicherweise zwischen Iran und Usbekistan. Er war ein Universalgelehrter, der sowohl in der Astronomie als auch in der Mathematik, der Geografie und der Kartografie bewandert war. Zwei der zahlreichen Beitr\u00e4ge, die er im Bereich der Wissenschaft leistete, beeinflussten die europ\u00e4ische Geschichte nachhaltig: die Verbreitung des in Indien eingef\u00fchrten dezimalen Zahlensystems, das wir heute noch verwenden, und die didaktische Vermittlung der Prinzipien der Algebra. Die Bezeichnung \u201eAlgorithmus\u201c f\u00fcr die mechanische L\u00f6sung eines numerischen Problems geht auf den Namen al-Chwarizmis zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eAlgebra\u201d ist ein Wort arabischen Ursprungs und ein Fragment der bekanntesten Publikation al-Chwarizmis, \u201eKitab al-mukhtasar fi hisab al-jabr wa&#8217;l-muqabala\u201c, deren Titel oft mit \u201eDas kurzgefasste Buch \u00fcber die Rechenverfahren durch Erg\u00e4nzen und Ausgleichen\u201c \u00fcbersetzt wird. \u201eAl-dschabr\u201c ist das arabische Wort, das oftmals als Methode des Erg\u00e4nzens \u00fcbersetzt wird. Die erste \u00dcbersetzung des Buchs in die lateinische Sprache erfolgte 1145 und trug den Titel \u201eLiber algebrae et almucabala\u201d, wodurch sich der Begriff \u201eAlgebra\u201d in den europ\u00e4ischen Sprachen und weltweit durchsetzte. <\/p>\n<p>Al-Chwarizmi pr\u00e4sentiert in seinem Buch unterschiedliche L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr Rechenvorg\u00e4nge, die wir heute als lineare Gleichungen bezeichnen, von der Art \u201egesucht ist die Zahl, von der zwei \u00fcbrigbleiben, wenn wir drei abziehen\u201d. Viele der Beispiele beziehen sich auf die Verteilung von Nachl\u00e4ssen und die Aufteilung von Verm\u00f6gen und sollen Richtern als Anleitung f\u00fcr die Schlichtung entsprechender Auseinandersetzungen dienen. Daher ist dieses Buch als eine Art Kompendium oder Benutzerhandbuch anzusehen. Um Probleme dieser Art zu l\u00f6sen, kann man wie bei einer Waage vorgehen: beide Seiten einer Gleichung sind wie zwei Waagschalen, wo Gewichte hinzugef\u00fcgt oder hin- und herbewegt werden k\u00f6nnen, um das Gleichgewicht herzustellen. Auch heute wird das Thema in der Sekundarstufe in Form dieses Vergleichs eingef\u00fchrt, um den Sch\u00fclern diese Art der Errechnung der Gleichwertigkeit auf einfache Weise n\u00e4her zu bringen.<\/p>\n<p>Allerdings ist die oben genannte \u00dcbersetzung des Buchtitels nicht ganz korrekt. Vor fast 80 Jahren zeigten Salomon Gandz und Otto Neugebauer auf, dass der Begriff\u201eal-dschabr\u201c eine weitaus kompliziertere Geschichte besitzt, die \u201eTausendundeiner Nacht\u201c w\u00fcrdig w\u00e4re. Schon Jahrhunderte vorher hatten Babylonier und \u00c4gypter grundlegende Methoden zur L\u00f6sung von Gleichungen mit einer Unbekannten entwickelt. Eine Gleichung besteht immer aus zwei Seiten, die einander gegen\u00fcberstehen und durch das Gleichheitszeichen miteinander verbunden sind. Gandz und Neugebauer konnten die Quellen al-Chwarizmis auf die Babylonier, Assyrer und Sumerer zur\u00fcckf\u00fchren. Im Assyrischen bedeutet \u201egabru-maharu\u201d gegen\u00fcberstellen oder gleichwertig sein. Das arabische \u201cal-dschabr\u201c ist phonetisch an das assyrische Wort angelehnt; der arabische Begriff \u201eal-muqabala\u201c bedeutet ebenfalls gegen\u00fcberstellen oder gleichwertig sein. Gandz folgerte daraus, dass der Titel von al-Chwarizmis Buch \u201eKitab al-mukhtasar fi hisab al-jabr wa&#8217;l-muqabala\u201d mit \u201eDie Wissenschaft von den Gleichungen\u201d \u00fcbersetzt werden k\u00f6nnte, da sowohl der assyrische Terminus\u201eal-dschabr\u201d als auch das arabische Wort\u201eal-muqabala\u201d sich auf Gleichungen beziehen.<\/p>\n<p>Bemerkenswerterweise war der Grieche Diophant von Alexandria schon Jahrhunderte zuvor viel weiter als al-Chwarizmi. Er forschte im Bereich der Arithmetik und orientierte sich an den herausragenden Leistungen Euklids. Wie zuvor Euklid wollte auch Diophant 13 B\u00fccher publizieren. In seinen Werken findet man L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr Aufgaben mit vier Variablen und sechsten Potenzen. Jedoch fehlte in Diophants Publikation der praktische Ansatz, \u00fcber den das Buch al-Chwarizmis verf\u00fcgte. Aus diesem Grund hatten die \u00dcbersetzungen der Schriften des persisch-arabischen Mathematikers einen unmittelbareren und praktischeren Einfluss als die Ausf\u00fchrungen des griechischen Theoretikers. Al-Chwarizmi drang nicht mit derselben Tiefe in die Materie ein wie Diophant und beschr\u00e4nkte sich auf das Zusammentragen der Erkenntnisse der babylonischen und \u00e4gyptischen Mathematiker, aber er pr\u00e4sentierte die Inhalte auf zug\u00e4ngliche und didaktische Art in Form eines Nachschlagewerks. Somit war der Grundstein f\u00fcr die Verbreitung der Algebra in Europa gelegt.<\/p>\n<p>Edgar Allan Poe wagte es sogar, die \u201eErz\u00e4hlungen aus Tausendundeiner Nacht\u201d um eine weitere Erz\u00e4hlung zu erg\u00e4nzen \u2013 die \u201eDie tausendundzweite Nacht der Scheherazade\u201c ist eine kleine Satire. H\u00e4tte doch auch Jorge Luis Borges, der sowohl f\u00fcr \u201eTausendundeine Nacht\u201c als auch f\u00fcr die Mathematik ein gro\u00dfes Interesse hegte, dem Werk noch eine weitere fantastische Geschichte hinzugef\u00fcgt \u2013 \u00e4hnlich seiner \u201eBibliothek von Babel\u201c, aber \u00fcber al-Chwarizmi, das Haus der Weisheit und die B\u00fccher, die die Welt ver\u00e4nderten. <\/p>\n<h3>Ra\u00fal Rojas<\/h3>\n<blockquote><p>Ra\u00fal Rojas ist Professor f\u00fcr K\u00fcnstliche Intelligenz an der Freien Universit\u00e4t Berlin. Mit seinen Fu\u00dfballrobotern gewann er die Weltmeisterschaften 2004 und 2005. Er entwickelte das autonome Auto \u201cMadeInGermany\u201d, das seit 2011 auf den Stra\u00dfen Berlin unterwegs ist und ist Mitglied der mexikanischen Akademie der Wissenschaften.<\/p><\/blockquote>\n<h3>Manuel Cabrera<\/h3>\n<blockquote><p>Manuel Cabrera wurde 1986 in Mexiko Stadt geboren. Er studierte Grafikdesign an der Universidad Iberoamericana. Zur Zeit arbeitet er als freischaffender Grafikdesigner und Illustrator, w\u00e4hrend er dabei ist, ein zweites Studium in Architektur zu beenden.<\/p><\/blockquote>\n<p>November 2013<br \/>\n\u00a9 Santacruz International Communication <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\/\/ Scheherazade und die Algebra \/\/ Jeder kennt die Geschichte der Scheherazade, Heldin und Erz\u00e4hlerin der gesammelten Geschichten aus \u201eTausendundeiner Nacht\u201c: Als der Sultan Schariyar herausfindet, dass seine Frau ihn mit einem Sklaven betrogen hat, beschlie\u00dft er, sich jede Nacht eine neue Frau zu nehmen und sie am darauffolgenden Tag hinrichten zu lassen, um einem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":757,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"page.php","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/759"}],"collection":[{"href":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=759"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/759\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1322,"href":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/759\/revisions\/1322"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/757"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=759"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}