{"id":797,"date":"2014-01-14T01:00:52","date_gmt":"2014-01-14T01:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/?page_id=797"},"modified":"2015-04-18T09:23:07","modified_gmt":"2015-04-18T07:23:07","slug":"our-world-four","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/our-world-four\/","title":{"rendered":"Our World Four"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/01\/Limitless_Illu.jpg\" alt=\"Limitless_Illu\" width=\"507\" height=\"310\" class=\"alignnone size-full wp-image-789\" srcset=\"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/01\/Limitless_Illu.jpg 507w, http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/01\/Limitless_Illu-300x183.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 507px) 100vw, 507px\" \/><\/p>\n<h1>\/\/ Von der Kunst im \u00f6ffentlichen Raum und anderen Arten der Raumpr\u00e4gung \/\/<\/h1>\n<blockquote><p>\u201eNur ein ganz kleiner Teil der Architektur geh\u00f6rt der Kunst an: das Grabmal und das Denkmal. Alles, was einem Zweck dient, ist aus dem Reiche der Kunst auszuschlie\u00dfen.\u201c Adolf Loos: Architektur (1910) <\/p><\/blockquote>\n<p>Gegen Ende der Neunzigerjahre waren im Stadtzentrum von Bogot\u00e1 Schwarz-Wei\u00df-Fotografien auf mehreren Reklametafeln zu sehen, auf denen weder mit einem Slogan noch einem Text auf ein zu bewerbendes Produkt hingewiesen wurde. Von den Bildern gingen im Gegenteil ein Eindruck von Leere und eine gewisse Bedr\u00fccktheit aus. Eine Fotografie zeigt ein leeres, gerade verlassenes Bett \u2013 die wei\u00dfe Bettdecke zerw\u00fchlt, auf den Kopfkissen noch die Kopfabdr\u00fccke derer, die in dem Bett gelegen hatten. Die Wand hinter dem Bett weist keinerlei Spuren auf. Obwohl es sich um eine Schwarz-Wei\u00df-Fotografie handelt, vermittelt das Bild ein Gef\u00fchl von W\u00e4rme. Der Betrachter wird unvermittelt eingeladen, von der anderen Stra\u00dfenseite aus und inmitten des st\u00e4dtischen Treibens an der Intimit\u00e4t eines Unbekannten teilzuhaben.<\/p>\n<p>Es handelt sich hierbei um eine Arbeit des kubanischen K\u00fcnstlers F\u00e9lix Gonz\u00e1lez-Torres. F\u00fcr einige seiner Arbeiten nutzte er Plakatw\u00e4nde in unterschiedlichen St\u00e4dten. Indem er sich gew\u00f6hnlicher Reklametafeln bediente,  die f\u00fcr sich genommen fast nicht mehr wahrgenommen werden, verwandelte er die Stra\u00dfe in einen Ausstellungsraum. Neben  Bildern von eindringlicher Intimit\u00e4t und Aufrichtigkeit arbeitete Gonz\u00e1lez-Torres auch mit Texten \u2013 so erinnern Namen und Jahreszahlen an bedeutende Ereignisse im Kampf f\u00fcr die Rechte Homosexueller, oder es wird mit einem Satz auf die Schwachstellen des amerikanischen Gesundheitssystems hingewiesen. Er eroberte Fl\u00e4chen, die vormals der Werbung dienten, und nutzte sie f\u00fcr das Gedenken an Menschen und Ereignisse in einer Umgebung, die nur sehr z\u00f6gerlich auf diese kleinen und doch so bedeutsamen Geschichten eingeht.<\/p>\n<p>Man sagt, die Geschichte werde immer von den Siegern geschrieben. Davon zeugen scheinbar die Statuen und Monumente auf den Pl\u00e4tzen und in den Parks verschiedener St\u00e4dte. Jede Stadt beherbergt zahllose Denkm\u00e4ler, die auf bedeutende Pers\u00f6nlichkeiten, Errungenschaften, Ereignisse und Triumphe verweisen. Diese Art des Erinnerns entspricht einer Sichtweise, in der sich der Krieg als geschichtsbildendes Ereignis verewigt.<\/p>\n<p>Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Monumente, die vormals den \u00f6ffentlichen Raum pr\u00e4gten, aus dem Blickwinkel der modernen Architektur als nichtfunktionale dekorative Elemente betrachtet. Schon in den F\u00fcnfzigerjahren wurden dank des technischen Fortschritts im Bauwesen gro\u00dfe Wohnanlagen in Fertigbauweise weltweit immer beliebter. Die auf gro\u00dfe Wohnbl\u00f6cke ausgerichtete St\u00e4dteplanung stand in der konzeptuellen Tradition von Architekten wie Le Corbusier, die Verfechter einer funktionalistisch ausgerichteten Stadt waren. Nach diesem Ansatz lie\u00dfen sich alle sozialen Probleme mittels der Architektur l\u00f6sen. Alle Elemente des \u00f6ffentlichen Raums in nach diesen Vorgaben gestalteten St\u00e4dten sollten den Prinzipien der Funktionalit\u00e4t folgen. Es muss nicht weiter ausgef\u00fchrt werden, wie dieser stadtplanerische Ansatz schon bald nach der Umsetzung seine Schwachstellen erkennen lie\u00df, und wie ganze Stadtgebiete, die nach den Prinzipien der modernen Architektur gebaut worden waren, sich zu Konfliktfeldern und sozialen Brennpunkten herausbildeten.  <\/p>\n<p>Die Entstehung  von Graffiti und Street Art zeugen vom menschlichen Bed\u00fcrfnis, neue Ausdrucksmittel zu finden. Jenseits der Diskussion um den k\u00fcnstlerischen Wert dieser Ausdrucksformen l\u00e4sst sich festhalten, dass diese unbestritten die traditionellen Formen der Kunst im \u00f6ffentlichen Raum in Frage stellen. Kunst au\u00dferhalb des abgesteckten Raums Museum oder Galerie wurde dem Anspruch nicht gerecht, komplexe soziale Realit\u00e4ten der Stadt zu reflektieren oder zu begreifen. Es gen\u00fcgt nicht, das Format des Kunstwerks abzu\u00e4ndern oder es vor Witterung und Vandalismus zu sch\u00fctzen. Das Verst\u00e4ndnis anderer, schon existierender Codes und Medien, die den Dialog mit einem anderen Publikum erm\u00f6glichen, ist von grundlegender Bedeutung, aber es ist vor allem wichtig zu begreifen, dass soziale, wirtschaftliche und kulturelle Konflikte ein Bed\u00fcrfnis nach Expression schaffen. <\/p>\n<p>Am genannten Beispiel der Arbeit von F\u00e9lix Gonz\u00e1lez-Torres wird deutlich, wie einige K\u00fcnstler immer neue Felder und Repr\u00e4sentationsformen f\u00fcr die Darstellung des historischen Kontexts des eigenen Lebensumfelds finden. Zwar beherrschte Gonz\u00e1lez-Torres auch die Codes der traditionelleren (institutionalisierten) Kunst, aber seine Besch\u00e4ftigung mit Themen wie dem Gesundheitssystem f\u00fchrte ihn zum Erschlie\u00dfen neuer R\u00e4ume (der Stra\u00dfe), zum Einsatz neuer Medien (Fotografie und Text) und zur Schaffung eines neuen Publikums au\u00dferhalb der traditionell kunstinteressierten Kreise.<\/p>\n<p>Geschichte, Erinnerung und Monument verschmelzen im \u00f6ffentlichen Raum zu einem der spannendsten und kontroversesten Felder der zeitgen\u00f6ssischen Kunst. K\u00fcnstler, die au\u00dferhalb der Mauern von Museen und Galerien agieren, sind zusammen mit ihrem Werk schwierigen Umweltbedingungen, den Anforderungen eines gr\u00f6\u00dferen Raums und der Gefahr des Vandalismus ausgesetzt und bewegen sich mit ihrer Arbeit au\u00dferdem in einem Raum, in dem politische Kr\u00e4fte zusammenflie\u00dfen, die oftmals nicht Hand in Hand mit der k\u00fcnstlerischen Aussage gehen. Zudem m\u00fcssen sowohl Codes eingesetzt werden, die vom Publikum im \u00f6ffentlichen Raum aufgenommen werden k\u00f6nnen, aber auch ein Zugang zu den g\u00e4ngigen Codes der Kunstwelt geschaffen werden. Daher bedarf eine Arbeit, die f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Raum bestimmt ist, der vorhergehenden Ausarbeitung einer Strategie und der sorgf\u00e4ltigen Vorbereitung seitens des K\u00fcnstlers.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Arbeit im \u00f6ffentlichen Raum muss der K\u00fcnstler vorab den Ort sowie das zu bearbeitende Thema untersuchen. Dazu geh\u00f6rt das Sammeln bzw. Sichten von Daten, Fotoarchiven, Zeitungsartikeln, Kartografie, das F\u00fchren von Interviews mit Ortsans\u00e4ssigen, sowie Besichtigungen vor Ort. So erh\u00e4lt der K\u00fcnstler sein Werkzeug zum besseren Verst\u00e4ndnis sowohl des Orts als auch seines Publikums. Mithilfe der ihm zur Verf\u00fcgung stehenden Medien versucht der K\u00fcnstler, Geschichten und Menschen in den Radar der Geschichte einzubeziehen. So erkundet er nicht nur neues Territorium f\u00fcr seinen Ausdruck, sondern verwendet auch neue Sprachsysteme und bindet ein Publikum ein, das sich aufgrund sozialer und \u00f6konomischer Umst\u00e4nde \u00fcblicherweise au\u00dferhalb der Reichweite des Kulturbetriebs befindet. <\/p>\n<p>Die alten R\u00f6mer pr\u00e4gten den Begriff des Genius Loci, dem Geist eines Ortes. F\u00fcr sie waren alle Orte von einem Wesen oder Geist erf\u00fcllt, der eine Schutzfunktion aus\u00fcbte. Es wurde gro\u00dfer Wert darauf gelegt, vor jedwedem Eingriff in einen Ort mit dieser Wesenheit in Dialog zu treten. Dies entspricht in gewisser Weise dem Ansatz der Arbeit \u201eBridge\/Puente\u201d von Francis Alys und ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr, wie ein K\u00fcnstler den Genius Loci eines Ortes begreift. <\/p>\n<p>Die Arbeit aus dem Jahr 2006 hatte zum Ziel, eine Br\u00fccke zu schlagen zwischen der Stadt Havanna auf Kuba und Key West an der K\u00fcste Floridas in den USA. Die Br\u00fccke sollte aus Booten von Fischern beider K\u00fcsten zusammengesetzt werden. Die Fischerboote sollten, ausgehend von beiden K\u00fcsten, aneinandergereiht werden und sich schlie\u00dflich auf halber Strecke im Meer treffen. Obwohl die Arbeit nie \u201eerfolgreich\u201c fertiggestellt wurde, geht ihre Bedeutung weit \u00fcber das Bild einer (un)fertigen Arbeit hinaus. Ihre eigentliche St\u00e4rke liegt in der Art und Weise, wie Alys ausgehend von einem politischen Konflikt (Kuba \u2013 USA), den geografischen Gegebenheiten (das Meer, das die beiden K\u00fcsten voneinander trennt), der Bev\u00f6lkerung (kubanische und US-amerikanische Fischer) und mithilfe zur Verf\u00fcgung stehender Arbeitsmittel (die Fischerboote) die fiktive M\u00f6glichkeit erkundet, den Konflikt mit dem Bau einer Br\u00fccke zu l\u00f6sen. Als nicht fertiggestellte Br\u00fccke repr\u00e4sentiert die Arbeit somit einen noch nicht beigelegten Konflikt zwischen zwei Staaten. <\/p>\n<p>Alles, was wir tun, hinterl\u00e4sst Spuren: was wir essen, wie wir uns kleiden, wie wir uns fortbewegen. Aber es sind unsere Ausdrucksformen, beispielsweise die bildenden K\u00fcnste, die Musik, der Tanz, das Theater, die uns Werkzeuge zum Verst\u00e4ndnis und zur Reflexion unserer zuk\u00fcnftigen Denkweisen an die Hand geben. Hierin liegen der gro\u00dfe Wert und die Verantwortung, die hinter kulturellen \u00c4u\u00dferungen stehen. Walter Benjamin sagte, die Vergangenheit k\u00f6nne niemals ausgel\u00f6scht oder einfach zur\u00fcckgelassen werden, sie werde immer den Dingen zugrunde liegen. Mithilfe von Codes und Elementen einer plastischen Sprache kommuniziert der K\u00fcnstler heute Ereignisse und Denkweisen an k\u00fcnftige Generationen. <\/p>\n<p>Die M\u00f6glichkeit, uns mit unseren Erinnerungen und unseren Konflikten auszus\u00f6hnen, sollte in jeder demokratischen Gesellschaft gegeben sein. Daher ist es wichtig, dass es K\u00fcnstler gibt, die von Grenzen aus arbeiten \u2013 dort, wohin die Kunst sich ausdehnt und eher inkludierend als exkludierend wirkt. Ausgehend von einem Werk, das in einem bestimmten soziokulturellen Kontext entsteht und sich in ein bestimmtes Territorium oder einen geografischen Raum eingraviert, kann eine facettenreiche kulturelle Landkarte ausgearbeitet werden. Das Ged\u00e4chtnis ist etwas, das es uns erlaubt, uns als Menschen zu verstehen, und es bietet uns einen Kontext, innerhalb dessen wir unsere Rolle in einer Gesellschaft und einem Kulturkreis besser begreifen und somit unsere Pflicht als Individuen erf\u00fcllen k\u00f6nnen. Das Verzeichnis dieser Erinnerungen wird es m\u00f6glich machen, dass die Geschichte uns eines Tages viel st\u00e4rker als Quelle der Reflexion dienen kann. <\/p>\n<p>Manche K\u00fcnstler gehen eine Verpflichtung ein, die \u00fcber den Ausdruck von Ideen und eigenen Erfahrungen hinausgeht. Ihre Arbeit wird zu einer Reflexion \u00fcber das Leben, ausgehend von der Erfahrung des Allt\u00e4glichen in einem bestimmten sozialen und kulturellen Kontext. Antonio Palomino, Autor einer Biografie von Diego Vel\u00e1zquez, sagte, dass den Maler nicht der t\u00e4gliche Lohn interessiere, sondern vielmehr Ruhm und Ehre nach dem Tod. So betrachtet reicht die Verpflichtung des K\u00fcnstlers weit \u00fcber sein unmittelbares Dasein hinaus. <\/p>\n<p>Dies erscheint paradox, sind doch die Fotografien von Gonz\u00e1lez-Torres oder die aus Fischerbooten bestehende Br\u00fccke von Alys nur kurzweilig und fl\u00fcchtig. Nichtsdestotrotz wird das Agieren in immer st\u00e4rker kontrollierten und \u00fcberwachten R\u00e4umen, das nicht aus einer Perspektive des Vandalismus oder der Gewalt entsteht, zu einem m\u00e4chtigen Werkzeug, mit dem der \u00f6ffentliche Raum zu einem Ort der Reflexion \u00fcber gesellschaftliche Realit\u00e4ten transformiert werden kann. Die Kunst hat also begonnen, sich allt\u00e4gliche R\u00e4ume zur\u00fcckzuerobern, und sie zu einer Kulisse zu machen, vor der der menschliche Geist wachsen kann. <\/p>\n<h3>Roberto Uribe Castro<\/h3>\n<blockquote><p>Roberto Uribe Castro studierte Architektur an der Universidad de los Andes in Bogot\u00e1. Er hat einen Master in Raumstrategien der Kunsthochschule Wei\u00dfensee Berlin. Derzeit arbeitet er f\u00fcr die NGO Stadtgeschichten an Projekten im \u00f6ffentlichen Raum in Berlin, Rom und Bogot\u00e1.<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/www.robertouribecastro.com\">www.robertouribecastro.com<\/a><\/p>\n<h3>Manuel Cabrera<\/h3>\n<blockquote><p>Manuel Cabrera wurde 1986 in Mexiko Stadt geboren. Er studierte Grafikdesign an der Universidad Iberoamericana. Zur Zeit arbeitet er als freischaffender Grafikdesigner und Illustrator, w\u00e4hrend er dabei ist, ein zweites Studium in Architektur zu beenden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Januar 2014<br \/>\n\u00a9 Santacruz International Communication <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\/\/ Von der Kunst im \u00f6ffentlichen Raum und anderen Arten der Raumpr\u00e4gung \/\/ \u201eNur ein ganz kleiner Teil der Architektur geh\u00f6rt der Kunst an: das Grabmal und das Denkmal. 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