{"id":830,"date":"2014-02-12T11:15:43","date_gmt":"2014-02-12T11:15:43","guid":{"rendered":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/?page_id=830"},"modified":"2015-04-18T09:22:54","modified_gmt":"2015-04-18T07:22:54","slug":"our-world-five","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/our-world-five\/","title":{"rendered":"Our World Five"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/02\/transitions_illu.jpg\" alt=\"transitions_illu\" width=\"507\" height=\"520\" class=\"alignnone size-full wp-image-826\" srcset=\"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/02\/transitions_illu.jpg 507w, http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/02\/transitions_illu-292x300.jpg 292w\" sizes=\"(max-width: 507px) 100vw, 507px\" \/><\/p>\n<h1>\/\/ Jeder Tisch ein <br \/> Sch\u00fctzengraben \/\/<\/h1>\n<blockquote><p>\u201cMan kann ernsthaft behaupten, dass der Journalismus, das erste und letzte aller Dinge, wie \u00c4sop es gesagt h\u00e4tte, den Menschen ein v\u00f6llig neues Leben bereitet hat \u2013 ein Leben voller Fortschritte und Vorteile. Die Stimme, die jeden Morgen nach unserem Erwachen ert\u00f6nt, um uns davon zu erz\u00e4hlen, wie die Menschheit den vorangegangenen Tag verbracht hat, die uns manchmal gro\u00dfe Wahrheiten und manchmal gr\u00e4ssliche L\u00fcgen erz\u00e4hlt, und die jeden unserer Schritte und jede Minute des gemeinschaftlichen Lebens begleitet.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Worte schrieb die franz\u00f6sische Aristokratin Amandine Aurore Lucile Dupin unter ihrem m\u00e4nnlichen Pseudonym George Sand w\u00e4hrend eines Aufenthalts auf der Insel Mallorca zwischen 1838 und 1839. Die Franz\u00f6sische Revolution war in der intellektuellen Landschaft Frankreichs noch sehr pr\u00e4sent, als Dupin (oder Sand) mit diesen Zeilen in aller Deutlichkeit den Wert des Journalismus (oder der Kunst, f\u00fcr die Gesamtheit der Gesellschaft relevante oder weniger relevante Geschichten mit Feingef\u00fchl zu erz\u00e4hlen) in der Moderne hervorhebt. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieser Ausspruch von Dupin in nicht allzu ferner Zukunft 200 Jahre alt sein wird, scheint manch einer den Journalismus zu Grabe tragen zu wollen, \u00e4hnlich wie die Moderne zu Grabe getragen wurde \u2013 eine Epoche, in der das Unterfangen, die Realit\u00e4t durch die Vernunft zu erfassen, auf der Suche nach der Wahrheit so bedeutend war. Mit Beginn der Postmoderne schien der Wahrheitsbegriff in tausend Teile zu zerspringen, und mit ihm die Bedeutung der Wahrheitssuche. Alles wurde relativ und vielschichtig, so auch die Wahrheit, das oberste Ziel des Journalismus.<\/p>\n<p>Die Schlie\u00dfung Dutzender Medienbetriebe und die daraus resultierende Entlassung tausender Journalisten auf der ganzen Welt, gepaart mit der Pr\u00e4karisierung der Arbeitsbedingungen derer, die noch eine Anstellung haben, scheinen jenen Schwarzsehern recht zu geben, die ganz im Sinne des postmodernen Relativismus verk\u00fcnden, dass die Tage dieses ehrw\u00fcrdigen Berufs gez\u00e4hlt seien \u2013 dieses Berufs, der es sich zur Aufgabe macht (oder es versucht), t\u00e4glich zu erkl\u00e4ren, was um uns herum passiert, der Fragen stellt und diese Fragen mit weiteren Fragen beantwortet. <\/p>\n<h3>Die beste aller m\u00f6glichen Welten<\/h3>\n<blockquote><\/blockquote>\n<p>Schon vor etwa zehn Jahren setzte der Prozess der Pr\u00e4karisierung der Arbeitsbedingungen von Journalisten in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern wie Spanien ein, und dies trotz der Tatsache, dass das alte Europa, dessen Wirtschaft, Politik und Identit\u00e4t sich heute in einer schweren Krise mit nicht absehbarem Ausgang befinden, damals noch in der besten aller m\u00f6glichen Welten zu leben schien. Die nationalen \u00d6konomien befanden sich im Wachstum, Arbeitspl\u00e4tze wurden geschaffen, Banken vergaben Kredite und die B\u00fcrger konsumierten. Der positive Kreislauf des Kapitalismus funktionierte perfekt, und dennoch verbreitete sich in Kommunikationsmedien und in den Journalistik-Instituten der Universit\u00e4ten die Nachricht, der Beruf des \u201eGeschichtenerz\u00e4hlers\u201c habe keine Zukunft. Wurde damals schon der Weg f\u00fcr die gro\u00dfen Medienkonglomerate bereitet? Das frage ich mich heute, zehn Jahre sp\u00e4ter, beim Verfassen dieser Zeilen. \u00a0<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, wir sind in der Zukunft angekommen: die Redaktionen vormals bedeutender Tageszeitungen, die f\u00fcr das Entschl\u00fcsseln der globalen Realit\u00e4ten unerl\u00e4sslich sind, wurden abgebaut oder befinden sich im Prozess der Verkleinerung; Kommunikationsunternehmen werden von Firmengruppen einverleibt, die wenig oder \u00fcberhaupt nichts mit gutem Journalismus zu tun haben; in vielen Redaktionen hat das \u201eKopieren und Einf\u00fcgen\u201c l\u00e4ngst die gr\u00fcndliche und ernsthafte Recherche verdr\u00e4ngt; und Journalisten, die um ihren Arbeitsplatz f\u00fcrchten, vermeiden unbequeme Fragen an die Vertreter politischer und wirtschaftlicher Macht, die \u00fcber ihnen schwebt, und begehen somit Verrat an ihrer Profession: Fragen zu stellen, die mehr Fragen er\u00f6ffnen, die schlie\u00dflich zu Antworten f\u00fchren, um somit Lesern, Zuschauern und H\u00f6rern eine Portion Wahrheit servieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ist unter solchen Umst\u00e4nden der Journalismus also wirklich dem Untergang geweiht? Wenn die Wahrheit nicht mehr existiert, hat der Beruf seinen Daseinszweck verloren? Nach dem Ausbruch der Systemkrise des Kapitalismus haben wir erkannt, dass europ\u00e4ische L\u00e4nder wie Spanien weit von der besten aller m\u00f6glichen Welten entfernt sind, und doch k\u00f6nnen wir hier und jetzt eine Sensationsmeldung bringen: der seri\u00f6se Journalismus wird trotz aller finanziellen H\u00fcrden, denen er sich stellen muss, auch in zehn Jahren noch am Leben sein. Paradoxerweise hat die stabile Gesundheit dieser Profession ausgerechnet mit der zerst\u00f6rerischen und omnipr\u00e4senten Wirtschaftskrise zu tun. <\/p>\n<h3>Armer Journalist, unbequemer Journalist<\/h3>\n<blockquote><\/blockquote>\n<p>\u201eEin leeres Konto und ein wenig Wut im Bauch befeuern den guten Journalismus\u201c. Dieser Ausspruch stammt von Enric Gonz\u00e1lez, ehemals f\u00fcr die spanische Tageszeitung El Pa\u00eds t\u00e4tig, heute Journalist bei El Mundo \u2013 er geh\u00f6rte zu denjenigen, die bei einer der j\u00fcngsten K\u00fcndigungswellen unter der jetzigen Leitung der einstmals gro\u00dfen Tageszeitung El Pa\u00eds seine Arbeit verlor. <\/p>\n<p>Wie Gonz\u00e1lez so treffend ausf\u00fchrt, werden die Fragen eines Journalisten weniger unbequem und seine Reportagen weniger investigativ, je mehr Geld er auf dem Konto hat. Als sich die Medienexperten in Spanien vor zehn Jahren gefragt haben, weshalb investigative journalistische Formate im spanischen Fernsehen scheiterten, w\u00e4hrend Programme von minderer Qualit\u00e4t, das so genannte \u201eTrash-TV\u201c, hohe Zuschauerzahlen erreichten, war die Antwort immer dieselbe: \u201eDas ist das, was die Leute sehen wollen\u201c. <\/p>\n<p>Die fetten Jahre des konstanten Kreditflusses und der Aufw\u00e4rtsspirale des Kapitalismus sind in Spanien Geschichte. Und mit ihnen scheint sich der Geschmack der Menschen ver\u00e4ndert zu haben, zumindest teilweise: unentbehrliche, hochwertige und unbequeme investigative Formate wie Salvados, unter der Regie von Jordi \u00c9vole, haben heute Einschaltquoten von mehr als 15 Prozent, was vor zehn Jahren, als Europa noch in der besten aller m\u00f6glichen Welten lebte, undenkbar gewesen w\u00e4re. Programme, die sich Themen des \u00f6ffentlichen Interesses widmen, die unbequem f\u00fcr die politische und vor allem f\u00fcr die wirtschaftliche Macht sind, haben einen Platz zur\u00fcckerobert, den sie verloren hatten, als es uns allen offensichtlich besser ging als heute. <\/p>\n<p>In seinem Buch \u201eMemorias l\u00edquidas\u201c (Fl\u00fcssige Memoiren) offenbart Enric Gonz\u00e1lez, welch gro\u00dfen Einfluss der katalanische Journalist Josep Mar\u00eda Huertas Claver\u00eda auf seinen beruflichen Werdegang hatte: \u201eJeder Redaktionstisch musste nach der \u201aHuertas-Doktrin\u2019 ein Sch\u00fctzengraben im Widerstand gegen das Unternehmen und andere einflussreiche M\u00e4chte sein. Laut der \u201aHuertas-Doktrin\u2019, deren Anh\u00e4nger ich bin, fu\u00dft die Legitimit\u00e4t einer Zeitung auf ihrer Redaktion und nicht auf den Interessen ihrer Eigent\u00fcmer\u201c, so der ehemalige El Pa\u00eds-Mitarbeiter. Auch Jordi \u00c9vole, Redaktionsleiter und Moderator von Salvados, hat einmal erkl\u00e4rt, \u00fcberzeugter Anh\u00e4nger der \u201aHuertas-Doktrin\u2019 zu sein.<\/p>\n<p>Trotz (oder dank) der Wirtschaftskrise scheint heute niemand weiter von der Wahrheit entfernt zu sein als diejenigen, die unerm\u00fcdlich das Ende des Journalismus prophezeien. Sie werden genauso falsch liegen wie jene, die nach dem Fall der Mauer und nach dem Ende des Kalten Krieges das \u201eEnde der Geschichte\u201c vorausgesagt haben.<\/p>\n<p>Ganz gleich, was dar\u00fcber gesagt wird, wird nichts und niemand den Wert dieser Profession ersetzen k\u00f6nnen. Oder, wie es Enric Gonzalez mit viel Leidenschaft und Nachdruck beschreibt: \u201eMan darf es niemals vergessen: jeder Tisch ist Sch\u00fctzengraben in Vietnam. Man muss sich dagegenstellen, man muss unabl\u00e4ssig k\u00e4mpfen. Der Journalist wird daf\u00fcr bezahlt, dass er Journalist ist. F\u00fcr alles andere sind die Chefs zust\u00e4ndig.\u201c<\/p>\n<h3>Andreu Jerez<\/h3>\n<blockquote><p>Andreu Jerez wurde 1982 in Murcia (Spanien) geboren. Nach dem Studium der Journalistik an der Universidad Aut\u00f3noma de Barcelona und seiner T\u00e4tigkeit f\u00fcr verschiedene Medienunternehmen der katalanischen Hauptstadt entschied er sich, nach Berlin zu gehen, als die dunkle Wolke der Wirtschaftskrise schon \u00fcber dem s\u00fcdlichen Europa schwebte. Heute arbeitet er von Berlin aus f\u00fcr mehrere Kommunikationsmedien, so z.B. f\u00fcr den internationalen Sender Deutsche Welle, die spanische Tageszeitung ABC, die katalanischen Wochenzeitung Directa und das Internetportal es.global.org. Er ist Mitglied im journalistischen Kollektiv Contrast und ver\u00f6ffentlicht Chroniken und andere journalistische Formate auf seinem Blog <a href=\"http:\/\/cielobajoberlin.blogspot.de\" target=\"_blank\">cielobajoberlin.blogspot.de<\/a><\/p><\/blockquote>\n<h3>Manuel Cabrera<\/h3>\n<blockquote><p>Manuel Cabrera wurde 1986 in Mexiko Stadt geboren. Er studierte Grafikdesign an der Universidad Iberoamericana. Zur Zeit arbeitet er als freischaffender Grafikdesigner und Illustrator, w\u00e4hrend er dabei ist, ein zweites Studium in Architektur zu beenden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Februar 2014<br \/>\n\u00a9 Santacruz International Communication <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\/\/ Jeder Tisch ein Sch\u00fctzengraben \/\/ \u201cMan kann ernsthaft behaupten, dass der Journalismus, das erste und letzte aller Dinge, wie \u00c4sop es gesagt h\u00e4tte, den Menschen ein v\u00f6llig neues Leben bereitet hat \u2013 ein Leben voller Fortschritte und Vorteile. 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