{"id":900,"date":"2014-04-16T08:06:43","date_gmt":"2014-04-16T08:06:43","guid":{"rendered":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/?page_id=900"},"modified":"2015-04-18T09:23:52","modified_gmt":"2015-04-18T07:23:52","slug":"our-world-seven","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/our-world-seven\/","title":{"rendered":"Our world Seven"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/04\/illu_hope.jpg\" alt=\"illu_hope\" width=\"507\" height=\"316\" class=\"alignnone size-full wp-image-891\" srcset=\"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/04\/illu_hope.jpg 507w, http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/04\/illu_hope-300x186.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 507px) 100vw, 507px\" \/><\/p>\n<h1>\/\/ Die Rekonstruktion kulturellen Erbes und ihre Bedeutung f\u00fcr die Vers\u00f6hnung \/\/<\/h1>\n<p>In jedem Dorf und jeder Stadt gibt es Geb\u00e4ude, deren Bedeutung weit \u00fcber ihren materiellen Wert und Nutzen hinausgeht. Man k\u00f6nnte sie als \u201eH\u00fcter der Erinnerung\u201c bezeichnen. Sie bereichern St\u00e4dte mit ihrem Charme und stiften gleichzeitig Identit\u00e4t. Ihre Sch\u00f6nheit zieht die Menschen unwillk\u00fcrlich in ihren Bann. Sie erz\u00e4hlen Geschichten von der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Die spezielle Wahrnehmung dieser Orte r\u00fchrt von ihrer Verwurzelung in der Identit\u00e4t und dem Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl der Menschen. Jeder Sakralbau, jede Bibliothek, jedes Museum h\u00fctet und bewahrt Erinnerungen. Wenn ein solches Geb\u00e4ude besch\u00e4digt oder zerst\u00f6rt wird, sollte es so schnell wie m\u00f6glich wieder zur\u00fcck ins Leben geholt und wieder aufgebaut werden. <\/p>\n<p>Bosnien und Herzegowina war bekannt als ein Land, in dem Menschen unterschiedlicher Religionen und Nationalit\u00e4ten harmonisch zusammenlebten und sich gegenseitig respektierten. Religi\u00f6se Feiertage wurden gemeinsam gefeiert, und in Sarajevo und anderen bosnischen St\u00e4dten standen Moscheen, Kirchen und Synagogen dicht nebeneinander. Dieser religi\u00f6se Pluralismus konnte jedoch die destruktiven Kr\u00e4fte, die das Land 1992 in den Krieg f\u00fchrten, nicht aufhalten. Er wurde instrumentalisiert, um die Teilung des Landes und seiner Bewohner voranzutreiben.<\/p>\n<p>Der Krieg gegen das multikulturelle Bosnien und Herzegowina dauerte von 1992 bis 1995 an. Mehr als hunderttausend Menschen wurden get\u00f6tet. \u00dcber eine Million Menschen wurden vertrieben. F\u00fcr ein Land mit vier Millionen Einwohnern sind diese Zahlen verheerend. Unter st\u00e4ndigem Beschuss wurden gro\u00dfe Teile von Sarajevo und Mostar in Schutt und Asche gelegt. Etwa 1.500 Moscheen in Bosnien und Herzegowina, viele davon zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert erbaut, wurden gesprengt, durch Granatenbeschuss besch\u00e4digt, oder niedergebrannt. Die Ferhadija-Moschee in Banja Luka und die Aladza-Moschee in Foca geh\u00f6ren zu den ber\u00fchmtesten der zerst\u00f6rten Meisterwerke. In Sarajevo wurden die Geb\u00e4ude, in denen das Orientalische Institut und die Nationalbibliothek mit bedeutenden Manuskripten und wertvollen B\u00fcchern untergebracht waren, mit Phosphorgranaten in Brand geschossen. Am Ostufer des Flusses Neretva in Mostar wurden die Minarette der Moschee, die orthodoxe Kirche auf dem H\u00fcgel, die alten Gesch\u00e4fte auf der Kujundziluk-Stra\u00dfe und andere Wahrzeichen der Stadt nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut. Der h\u00e4rteste Schlag f\u00fcr die Stadt war allerdings die Zerst\u00f6rung der alten Mostar-Br\u00fccke. Ein universelles Symbol der Kultur des Landes, das gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr alle Bewohner hatte, war nicht mehr existent. Die Welle des Wiederaufbaus, die nach der massiven Kriegszerst\u00f6rung durch Bosnien und Herzegowina ging, war nicht \u00fcberraschend. Diese war \u2013 und ist \u2013 der Versuch, das wiederherzustellen, was unrettbar verloren war. <\/p>\n<p>Die UN-Sonderberichterstatterin Farida Shaheed betont, dass die \u201eZerst\u00f6rung kulturellen Erbes im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen bedeutende Auswirkungen auf die Menschenrechte hat. Das Recht auf  nicht-stereotypischen Zugang zum kulturellen Erbe Anderer ist insbesondere nach Krisensituationen au\u00dferordentlich wichtig. [&#8230;] Friedenskonsolidierungsprozesse sollten die Wiederherstellung des kulturellen Erbes unter der Mitwirkung aller Beteiligten einbeziehen und den interkulturellen Dialog bez\u00fcglich des kulturellen Erbes f\u00f6rdern.\u201c In einem solchen Fall ist das Bed\u00fcrfnis, zerst\u00f6rte Geb\u00e4ude wieder aufzubauen, als symbolischer Akt zu sehen und gleichzusetzen mit dem Bed\u00fcrfnis, eine offene Wunde zu verarzten. Hierbei wurden architektonische Fragen aufgeworfen, aber es drehte sich noch viel mehr um die Wiederherstellung menschlicher W\u00fcrde und Identit\u00e4t. Unter diesen Umst\u00e4nden k\u00f6nnen Architektur und kulturelles Erbe nicht nur als materielle Zeugen betrachtet werden, sondern als Symbole des \u00dcberlebens. Die Rekonstruktion zerst\u00f6rter Geb\u00e4ude und Strukturen hilft bei der Wiedererlangung menschlicher W\u00fcrde und gegenseitigen Respekts und macht eine Vers\u00f6hnung m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die alte Br\u00fccke in Mostar wurde im 16. Jahrhundert erbaut. Die steinerne Bogenbr\u00fccke verbindet die mittelalterlichen T\u00fcrme und orientalischen Gesch\u00e4fte auf beiden Uferseiten miteinander. Nach tagelangem Bombardement st\u00fcrzte die Br\u00fccke am 9. November 1993 schlie\u00dflich \u00fcber dem Fluss Neretva ein. Im Rahmen des Programms \u201aMostar 2004\u2019 wurde sie wieder aufgebaut. Im Laufe des zehnj\u00e4hrigen Programms wurde die Stadt Mostar zum Treffpunkt f\u00fcr die Menschen aus Bosnien und Herzegowina sowie f\u00fcr viele internationale Organisationen wie die Weltbank, UNESCO, die Aga-Khan-Stiftung und IRCICA, die das Projekt finanziell oder beratend unterst\u00fctzten. Der Wiederaufbau in Mostar brachte auch neue Informationen \u00fcber die Entstehung der Br\u00fccke ans Licht und bot so neue M\u00f6glichkeiten, die Geschichte des Ensembles zu pr\u00e4sentieren. Das Areal um die alte Br\u00fccke wurde im Juni 2005 in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Heute z\u00e4hlt es zu den meistbesuchten Orten in Bosnien und Herzegowina.<\/p>\n<p>Die Stadt Stolac, die 1993 fast vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt wurde, ist ein weiteres wichtiges Beispiel. Im Gegensatz zu Mostar, wo die Zerst\u00f6rung auf Granatenbeschuss zur\u00fcckging, wurden die Moscheen von Stolac mit Dynamit gesprengt. Die Tr\u00fcmmer der Moschee wurden im Fluss und auf Schuttabladepl\u00e4tzen entsorgt. Die meisten H\u00e4user, alt wie neu, wurden in Brand gesetzt. Im Sommer 2001 war ich zum ersten Mal in Stolac, das damals noch eine Geisterstadt war \u2013 nur wenige Menschen waren in ihre teilweise wieder aufgebauten H\u00e4user zur\u00fcckgekehrt, aber sie lebten dort in Angst. Der Wiederaufbau begann mit der Rekonstruktion der Charshiyska-Moschee. Sie wurde 1519 im Stadtzentrum errichtet und war die gr\u00f6\u00dfte und sch\u00f6nste Moschee der Umgebung. 1993 wurde sie zerst\u00f6rt, und im Jahr 2003 wurde der Wiederaufbau abgeschlossen. Einige der Originalsteine wurden aus den entsorgten Tr\u00fcmmern gerettet. Die Funde wurden sorgf\u00e4ltig dokumentiert und an elementaren Stellen in der rekonstruierten Moschee verbaut. Die Einwohner, die wieder nach Stolac zur\u00fcckkehrten, waren aktiv in diesen Prozess eingebunden. Stein f\u00fcr Stein wurde die Moschee wieder aufgebaut, und als sie wieder Gestalt annahm, wuchs in den Menschen ein Gef\u00fchl von Stolz und das L\u00e4cheln kehrte zur\u00fcck in ihre Gesichter. Die Erniedrigung, die mit der Zerst\u00f6rung des Stadtplatzes, der Moschee, des alten G\u00e4stehauses Musafirhana, den Gesch\u00e4ften und vieler weiterer Geb\u00e4ude einherging, wurde nach und nach durch neu gefundene Zuversicht ersetzt.<\/p>\n<p>Ein weiteres Ereignis, das den B\u00fcrgern von Sarajevo und Bosnien-Herzegowina immer im Ged\u00e4chtnis bleiben wird, ist der Brand des Rathauses von Sarajevo. Hier wurden Spezialsammlungen, seltene Manuskripte, B\u00fccher und andere bedeutende Artefakte aus der Nationalbibliothek von Bosnien und Herzegowina gelagert. In einem dreit\u00e4gigen Inferno vom 25. bis 27. August 1992 brannte die Bibliothek nieder und etwa 90 Prozent ihres Bestands von den Flammen vernichtet. Bibliotheksmitarbeiter und die B\u00fcrger der Stadt bildeten eine Menschenkette, um die B\u00fccher aus dem brennenden Geb\u00e4ude in bereitgestellte LKW zu transportieren. Diese Menschen setzten ihr Leben aufs Spiel, um die Nationalbibliothek zu retten. Gro\u00dfe Teile des Bestands sind dennoch dem Brand zum Opfer gefallen. <\/p>\n<p>Das Rathaus von Sarajevo befand sich \u00fcber mehrere Jahre im Wiederaufbau und soll am 9. Mai 2014 wiederer\u00f6ffnet werden. Da das Geb\u00e4ude urspr\u00fcnglich nicht f\u00fcr die Nutzung als Bibliothek bestimmt war, wird nur ein Teil davon von der Nationalbibliothek von Bosnien und Herzegowina eingenommen werden. Der restliche Teil des Geb\u00e4udes wird ein Museum sowie R\u00e4umlichkeiten f\u00fcr die Stadtverwaltung beherbergen. Die bosnischen Bibliothekare bem\u00fchen sich um die Wiedererlangung der Sammlungen, die im August 1992 in den Flammen zerst\u00f6rt wurden. Der weitreichende Schaden zeigt sehr deutlich, wie anf\u00e4llig und gef\u00e4hrdet Manuskripte und Schriften sind. <\/p>\n<p>Es gibt zahlreiche weitere Beispiele f\u00fcr den Wiederaufbau von kulturellem Erbe weltweit. All diese Projekte haben eines miteinander gemein: Sie bringen das zur\u00fcck, was schon verloren geglaubt war. In kriegsgebeutelten Gesellschaften k\u00f6nnen sie sogar Vers\u00f6hnung stiften. Wie ist das m\u00f6glich? Wenn zerst\u00f6rte Geb\u00e4ude und Pl\u00e4tze wiederaufgebaut oder besch\u00e4digte Dokumente wiederhergestellt werden, geht von ihnen die Botschaft aus, dass die Zerst\u00f6rer ihr Werk der Vernichtung nicht vollenden konnten und dass gegenseitiger Respekt in Zukunft wiedererlangt werden kann.<\/p>\n<p>Da potenzielle Gefahren nicht vorhergesehen werden k\u00f6nnen, sollten wir alle das tun, was uns m\u00f6glich ist, um unser Erbe zu bewahren und zu w\u00fcrdigen. So werden wir nicht nur selbst vertrauter mit unseren individuellen F\u00e4higkeiten, sondern lernen auch voneinander und kn\u00fcpfen positive Verbindungen. Diversit\u00e4t bereichert unser Leben und muss auch an zuk\u00fcnftige Generationen weitergegeben werden. <\/p>\n<h3>Medina Had\u017eihasanovi\u0107-Katana<\/h3>\n<blockquote><p>Medina Had\u017eihasanovi\u0107-Katana ist Architektin und war im Laufe der letzten zehn Jahre in etwa drei\u00dfig Wiederaufbauprojekte des baulichen Kulturerbes in Bosnien und Herzegowina eingebunden. Sie hat in Sarajevo Architektur studiert und hat au\u00dferdem an der Universit\u00e4t Katalonien einen Masterabschluss erlangt. Derzeit arbeitet sie an ihrer Dissertation an der TU Berlin. Von 2003 bis 2009 leitete sie das Weltkulturerbezentrum des \u201cInternationalen Forums Bosnien\u201d. Seit 2009 ist sie Beraterin im Ausschuss f\u00fcr die Bewahrung der Nationaldenkm\u00e4ler in Bosnien und Herzegowina.<\/p><\/blockquote>\n<h3>Manuel Cabrera<\/h3>\n<blockquote><p>Manuel Cabrera wurde 1986 in Mexiko Stadt geboren. Er studierte Grafikdesign an der Universidad Iberoamericana. Zur Zeit arbeitet er als freischaffender Grafikdesigner und Illustrator, w\u00e4hrend er dabei ist, ein zweites Studium in Architektur zu beenden.<\/p><\/blockquote>\n<p>April 2014<br \/>\n\u00a9 Santacruz International Communication <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\/\/ Die Rekonstruktion kulturellen Erbes und ihre Bedeutung f\u00fcr die Vers\u00f6hnung \/\/ In jedem Dorf und jeder Stadt gibt es Geb\u00e4ude, deren Bedeutung weit \u00fcber ihren materiellen Wert und Nutzen hinausgeht. Man k\u00f6nnte sie als \u201eH\u00fcter der Erinnerung\u201c bezeichnen. Sie bereichern St\u00e4dte mit ihrem Charme und stiften gleichzeitig Identit\u00e4t. 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