{"id":937,"date":"2014-06-16T09:40:39","date_gmt":"2014-06-16T09:40:39","guid":{"rendered":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/?page_id=937"},"modified":"2015-04-18T09:23:32","modified_gmt":"2015-04-18T07:23:32","slug":"our-world-nine","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/our-world-nine\/","title":{"rendered":"Our World Nine"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/06\/illu_melencolia.jpg\" alt=\"illu_melencolia\" width=\"507\" height=\"314\" class=\"alignnone size-full wp-image-930\" srcset=\"http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/06\/illu_melencolia.jpg 507w, http:\/\/ourworld-magazine.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/06\/illu_melencolia-300x185.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 507px) 100vw, 507px\" \/><\/p>\n<h1>\/\/  Worte aus der Ferne  \/\/<\/h1>\n<p>In den fr\u00fchen Jahren des 17. Jahrhunderts schrieb Lope de Vega in El peregrino en su patria, dass die wahre Heimat da ist, wo das Gute liegt. Dieser kurze Sinnspruch, der laut Aussage des Dichters auf Apuleius und Cicero zur\u00fcckgeht, definiert das Konzept der Zugeh\u00f6rigkeit des Menschen nicht als Gebundenheit an einen bestimmten Ort, sondern an die Koordinaten seiner Gef\u00fchlswelt. In den Augen Lope de Vegas ist die Entfernung zwischen dem Abwesenden und seiner Heimat nicht in Kilometern messbar, sondern liegt zwischen dem, was dieser zur\u00fcckl\u00e4sst (seine Sprache, sein Heim, seine Liebsten, Geschm\u00e4cker und Ger\u00fcche), und allem Neuen, was ihm auf seinem Weg bevorsteht. Weit weg zu sein von der Heimat ist eine Erfahrung, die seit jeher in der Literatur verarbeitet wird \u2013 vor und nach Lope de Vega haben zahlreiche Autoren unter diesen besonderen Umst\u00e4nden geschrieben. <\/p>\n<p>Die Erfahrungen in der Fremde werden in unterschiedliche literarischen Formen verwandelt: Prosa, Lyrik, Essays oder Briefwechsel. Von welcher Seite auch immer der Schriftsteller sich dem Thema ann\u00e4hert, immer ist ihm die Literatur eine treue Begleiterin durch die Fremde. So schrieb Ovid in einem seiner Briefe aus dem Exil in Tomis (im heutigen Rum\u00e4nien), in das er aufgrund seiner Liebesgedichte verbannt wurde, dass er seinen einzigen Trost in der Dichtung fand: \u201cSie ist mir die einzige Gef\u00e4hrtin in der Verbannung; sie f\u00fcrchtet weder Hinterhalt noch das Schwert des [&#8230;] Soldaten, noch Meer oder Wind, noch die Barbarei\u201d (1). Mit dem Schreiben lenkte der Dichter sich von seinen Sorgen ab. Er schrieb aber auch, um sich seinen Liebsten n\u00e4her f\u00fchlen zu k\u00f6nnen und ihnen von seinen Erlebnissen und Sehns\u00fcchten zu erz\u00e4hlen an diesem fernen Ort, der ihm als das Ende der Welt erschien. Ovid kehrte nie aus dem Exil zur\u00fcck. Nach vergeblichen Gnadengesuchen starb der Dichter fernab von seiner Sprache und Kultur in der Verbannung. Seine Briefe aber bezeugen, dass die Einsamkeit des Exils, eine der radikalsten Formen des Getrenntseins von der Heimat, niemals absolut ist, solange die Entfernung mit Worten \u00fcberbr\u00fcckt werden kann. <\/p>\n<p>Der vertrauliche Ton des Briefs gew\u00e4hrt Zugang zu einer privateren Seite des Dichters. Ovid zeigte sich eher als Mensch denn als Dichter, nicht umgekehrt. Obwohl der Briefwechsel eine der effektivsten Antworten der Literatur auf das Leben fernab der Heimat ist, ist er nicht die einzig m\u00f6gliche Ausdrucksform. Einige der bedeutendsten spanischsprachigen Autoren haben Wege gefunden, ihre Erfahrungen im Exil literarisch zu verarbeiten. So verbrachte Cervantes f\u00fcnf Jahre in Gefangenschaft in Algier. W\u00e4hrend seiner Zeit in unterschiedlichen Gef\u00e4ngnissen plante er mehr als einmal seine Flucht nach Spanien. Soweit bekannt ist, schrieb Cervantes w\u00e4hrend dieser Zeit noch nicht, sondern feierte erst nach seiner R\u00fcckkehr nach Madrid sein Deb\u00fct als Autor. Seine Erlebnisse in der Gefangenschaft manifestieren sich jedoch in den Motiven und Figuren seiner St\u00fccke und Novellen und nicht zuletzt in seinem Roman Don Quijote, in den \u201cGeschichten eines Gefangenen\u201d. Cervantes gestaltet die Fiktion so, dass seine reale Erfahrung darin Platz findet. In seinen spannenden und erz\u00e4hlerisch makellosen Geschichten verschmilzt das Anekdotenhafte und Biografische mit h\u00f6chster Erz\u00e4hlkunst.  <\/p>\n<p>Zeit ist relativ f\u00fcr diejenigen, die fern der Heimat sind. Das Heimweh w\u00e4hrend einer f\u00fcnfj\u00e4hrigen Gefangenschaft kann genauso schmerzhaft sein wie w\u00e4hrend einer f\u00fcnfmonatigen Verbannung, wie im Fall des Dichters Garcilaso de la Vega, der zum Exil auf einer Donauinsel verurteilt wurde. Aus der Ferne schreibt er Gedichte \u00fcber die Sehnsucht \u2013 nicht nach seinem Heimatland Spanien, sondern nach seiner Geliebten \u2013 nach der wahren Heimat, wie Lope de Vega sagen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wenn allein die Distanz (sei sie freiwillig oder unfreiwillig) schon schmerzlich ist, so wird die Sehnsucht umso brennender, wenn die Liebe ins Spiel kommt. Es ist also die Liebe, die Garcilaso w\u00e4hrend seiner Verbannung am meisten qu\u00e4lt. In seinen Gedichten bringt er etwas Urmenschliches zum Klingen \u2013 vielleicht ist das der Grund, dass seine Lyrik heute noch mit so viel Begeisterung rezipiert wird. Die emotionale Aufgeladenheit des Abwesenden, hier in lyrischer Form verdichtet, nimmt nicht ab mit der Zeit, sondern entflammt mit jedem Schreiben des oder der Geliebten aufs Neue. <\/p>\n<p>Weit entfernt von der Heimat zu sein ist eine Erfahrung, die heute kaum anders ist als damals f\u00fcr Ovid, Cervantes oder Garcilaso. Die literarische Verarbeitung dieser Erlebnisse hat trotz sprachlicher Komplikationen und zeitlicher Hindernisse \u00fcberlebt, denn sie ist etwas, was jeder kennt, der sich in seinem Leben einmal fremd gef\u00fchlt hat. Das Heimweh ist eng verkn\u00fcpft mit historischen, gesellschaftsrelevanten Ereignissen, aber auch mit der allt\u00e4glichen Geschichte, die der Einzelne schreibt. Im Zeitalter der beiden Weltkriege \u2013 eine Zeit, die unserer Lebenswelt schon n\u00e4her ist \u2013 mussten viele der gro\u00dfen europ\u00e4ischen Autoren alles hinter sich lassen und in einem fremden Land (mit mehr oder weniger Erfolg) ein neues Leben beginnen: Thomas Mann, Stefan Zweig, Primo Levi oder Joseph Roth. <\/p>\n<p>Amerika hat seine eigene Geschichte des Exils. Vielleicht liegt es an der zeitlichen und r\u00e4umlichen N\u00e4he, dass wir Fluktuationen in beide Richtungen erkennen k\u00f6nnen: die, die gegangen sind und die, die gekommen sind. Aufgrund diktatorischer Regime sahen sich viele Menschen gezwungen, ihre lateinamerikanischen Heimatl\u00e4nder oder sogar den Kontinent zu verlassen. Nicht nur f\u00fcr jene, die auch vor dem Exil schon geschrieben haben, bedeuteten die neuen Lebensumst\u00e4nde oftmals einen Schub in Richtung ihrer literarischen Berufung. Worte halfen den lateinamerikanischen Exilanten bei der Wiederherstellung ihrer Identit\u00e4t und ihres Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchls. <\/p>\n<p>F\u00fcr viele Autoren, so wie f\u00fcr den Dichter Juan Gelman, war die Literatur nicht nur eine Weggef\u00e4hrtin in der Fremde, sondern ein Ventil f\u00fcr Ohnmacht, Ungl\u00fcck und Ungerechtigkeit. Nach einer gewissen Zeit schafft es der Mensch im Exil (beziehungsweise in einem fremden Land), der neuen Heimat einen Platz in seinem Herzen einzur\u00e4umen. Die Sehnsucht nach der alten Heimat bleibt zwar immer unterschwellig bestehen, aber sie wird auch teilweise \u00fcberlagert von der Dankbarkeit und der Zuneigung gegen\u00fcber dem neuen Ort, von dem man aufgenommen wurde. So ist es einigen der spanischen Exilanten in den lateinamerikanischen L\u00e4ndern ergangen. <\/p>\n<p>Es gibt noch eine andere Art von Exilanten, n\u00e4mlich diejenigen, die nicht von politischen, sondern von wirtschaftlichen Umst\u00e4nden zum Verlassen des Heimatlandes gezwungen werden; diejenigen, die ihr St\u00fcck Land und die teils schon entv\u00f6lkerten D\u00f6rfer zur\u00fccklassen und auf der Suche nach einem besseren Leben die Grenze zu den USA \u00fcberqueren, um dort jede Arbeit anzunehmen, die sie bekommen k\u00f6nnen. Ich werde nicht n\u00e4her auf die Entbehrungen und Risiken eingehen, die sie auf dieser Reise auf sich nehmen. Eine Reise, die sie mit soviel Glauben und Entschlossenheit antreten, dass man sie mit einer Pilgerfahrt vergleichen k\u00f6nnte. Was ich f\u00fcr wichtig halte, ist dass die Sprache f\u00fcr mexikanische und mittelamerikanische Migrantinnen und Migranten eine Art von Zufluchtsort darstellt, wie es auch bei Ovid der Fall war. Noch ist nicht abzusehen, was mit den schriftlich festgehaltenen Erinnerungen dier Migranten, ihren Reflexionen in Romanform, ihren Gedichten oder Essays passieren wird. Das freiwillige Exil vieler Mexikaner ist zu etwas so Allt\u00e4glichem geworden, dass wir nicht die n\u00f6tige Distanz haben, um ihre literarisch verarbeiteten Erfahrungen in der Fremde wertsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen. Bleibt hinzuzuf\u00fcgen, dass das Schreiben keinesfalls von der Bildfl\u00e4che verschwunden ist und so bald auch nicht verschwinden wird (man muss sich nur vor Augen f\u00fchren, mit welchem Eifer die Menschen heutzutage Nachrichten schreiben, sich auf Facebook mitteilen oder Informationen bei Twitter komprimieren und verbreiten). Die Literatur \u00e4ndert sich, sie baut auf neuem Grund, und wird in ihren neuen Formen vielleicht insgesamt fl\u00fcchtiger als auf bedrucktem Papier. Um die untrennbare Verbindung zwischen den Worten und denen, die in der Ferne sind, dokumentieren, begreifen und vor allem wertsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen, wird man in Zukunft keine Manuskripte durchforsten, sondern gr\u00fcndliche Online-Recherchen betreiben m\u00fcssen.  <\/p>\n<p>Ich habe mich in diesem Text auf nur eine der zahlreichen Erfahrungs- und Lebenswelten konzentriert, die von der Literatur umspannt werden: die Erfahrung, weit weg von zu Hause zu sein. Die Sprache wird immer an unserer Seite sein und uns helfen, das was wir erleben und ertr\u00e4umen, zu erz\u00e4hlen und etwas daraus entstehen zu lassen. Unter unserem kritischen zeitgen\u00f6ssischen Blick werden viele Dinge in Frage gestellt \u2013 wenn man aber die Bedeutung und N\u00fctzlichkeit der Literatur anzweifelt, glaube ich kaum, dass ein einziges Argument gefunden werden kann, das ihre privilegierte Stellung in unserer Kultur und vor allem in unserer pers\u00f6nlichen Geschichte anfechten kann. Lesen und Schreiben tr\u00f6stet und leistet Gesellschaft, regt an, n\u00e4hert uns an die Sichtweisen anderer an, entsch\u00e4digt uns f\u00fcr das, was wir nicht selbst durchleben k\u00f6nnen. Literatur bildet, aber das ist eigentlich nebens\u00e4chlich \u2013 wichtig ist, dass sie unsere empfindsamsten, menschlichsten und leidenschaftlichsten Seiten n\u00e4hrt. Vielleicht ist es genau das, was wir in dieser schwindelerregenden Gegenwart zum Leben brauchen. Wir m\u00fcssen lernen, die Liebe zur Literatur auf die konkreten Lebensumst\u00e4nde in einer komplexen und faszinierenden Gesellschaft umzulenken und nicht nur auf die Tradition zu fokussieren. Denn die Literatur wird, anders als andere K\u00fcnste, aus der Magie der Worte des Alltags gemacht, und soll in den Lesenden etwas zum Klingen bringen. Sie ist nicht dazu da, geh\u00fctet und bewacht zu werden wie ein kostbares Exponat in einem Museum, denn das w\u00fcrde sie tats\u00e4chlich zu sterilem Wissen verk\u00fcmmern lassen.  <\/p>\n<blockquote><p>(1) Tristia, IV, I. [&#8230;] sola comes nostrae perstitit illa fugae;\u2028sola nec insidias, nec Sinti militis ensem,\u2028nec mare nec ventos barbariamque timet.<\/p><\/blockquote>\n<h3>Paola Encarnaci\u00f3n Sandoval<\/h3>\n<blockquote><p>Paola Encarnaci\u00f3n Sandoval wurde 1987 in Mexiko-Stadt geboren und ist Doktorandin der Hispanischen Literaturwissenschaften am Colegio de M\u00e9xico. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf der Poesie und Prosa des Siglo de Oro, sowie auf der Verkn\u00fcpfung zwischen Medizin, Krankheit und Literatur. <\/p><\/blockquote>\n<h3>Manuel Cabrera<\/h3>\n<blockquote><p>Manuel Cabrera wurde 1986 in Mexiko Stadt geboren. Er studierte Grafikdesign an der Universidad Iberoamericana. Zur Zeit arbeitet er als freischaffender Grafikdesigner und Illustrator, w\u00e4hrend er dabei ist, ein zweites Studium in Architektur zu beenden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Juni 2014<br \/>\n\u00a9 Santacruz International Communication <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\/\/ Worte aus der Ferne \/\/ In den fr\u00fchen Jahren des 17. Jahrhunderts schrieb Lope de Vega in El peregrino en su patria, dass die wahre Heimat da ist, wo das Gute liegt. 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