Text
Roberto Uribe Castro, Kolumbien

Illustration
// Limitless //
Manuel Cabrera, Mexiko

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// Von der Kunst im öffentlichen Raum und anderen Arten der Raumprägung //

„Nur ein ganz kleiner Teil der Architektur gehört der Kunst an: das Grabmal und das Denkmal. Alles, was einem Zweck dient, ist aus dem Reiche der Kunst auszuschließen.“ Adolf Loos: Architektur (1910)

Gegen Ende der Neunzigerjahre waren im Stadtzentrum von Bogotá Schwarz-Weiß-Fotografien auf mehreren Reklametafeln zu sehen, auf denen weder mit einem Slogan noch einem Text auf ein zu bewerbendes Produkt hingewiesen wurde. Von den Bildern gingen im Gegenteil ein Eindruck von Leere und eine gewisse Bedrücktheit aus. Eine Fotografie zeigt ein leeres, gerade verlassenes Bett – die weiße Bettdecke zerwühlt, auf den Kopfkissen noch die Kopfabdrücke derer, die in dem Bett gelegen hatten. Die Wand hinter dem Bett weist keinerlei Spuren auf. Obwohl es sich um eine Schwarz-Weiß-Fotografie handelt, vermittelt das Bild ein Gefühl von Wärme. Der Betrachter wird unvermittelt eingeladen, von der anderen Straßenseite aus und inmitten des städtischen Treibens an der Intimität eines Unbekannten teilzuhaben.

Es handelt sich hierbei um eine Arbeit des kubanischen Künstlers Félix González-Torres. Für einige seiner Arbeiten nutzte er Plakatwände in unterschiedlichen Städten. Indem er sich gewöhnlicher Reklametafeln bediente, die für sich genommen fast nicht mehr wahrgenommen werden, verwandelte er die Straße in einen Ausstellungsraum. Neben Bildern von eindringlicher Intimität und Aufrichtigkeit arbeitete González-Torres auch mit Texten – so erinnern Namen und Jahreszahlen an bedeutende Ereignisse im Kampf für die Rechte Homosexueller, oder es wird mit einem Satz auf die Schwachstellen des amerikanischen Gesundheitssystems hingewiesen. Er eroberte Flächen, die vormals der Werbung dienten, und nutzte sie für das Gedenken an Menschen und Ereignisse in einer Umgebung, die nur sehr zögerlich auf diese kleinen und doch so bedeutsamen Geschichten eingeht.

Man sagt, die Geschichte werde immer von den Siegern geschrieben. Davon zeugen scheinbar die Statuen und Monumente auf den Plätzen und in den Parks verschiedener Städte. Jede Stadt beherbergt zahllose Denkmäler, die auf bedeutende Persönlichkeiten, Errungenschaften, Ereignisse und Triumphe verweisen. Diese Art des Erinnerns entspricht einer Sichtweise, in der sich der Krieg als geschichtsbildendes Ereignis verewigt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Monumente, die vormals den öffentlichen Raum prägten, aus dem Blickwinkel der modernen Architektur als nichtfunktionale dekorative Elemente betrachtet. Schon in den Fünfzigerjahren wurden dank des technischen Fortschritts im Bauwesen große Wohnanlagen in Fertigbauweise weltweit immer beliebter. Die auf große Wohnblöcke ausgerichtete Städteplanung stand in der konzeptuellen Tradition von Architekten wie Le Corbusier, die Verfechter einer funktionalistisch ausgerichteten Stadt waren. Nach diesem Ansatz ließen sich alle sozialen Probleme mittels der Architektur lösen. Alle Elemente des öffentlichen Raums in nach diesen Vorgaben gestalteten Städten sollten den Prinzipien der Funktionalität folgen. Es muss nicht weiter ausgeführt werden, wie dieser stadtplanerische Ansatz schon bald nach der Umsetzung seine Schwachstellen erkennen ließ, und wie ganze Stadtgebiete, die nach den Prinzipien der modernen Architektur gebaut worden waren, sich zu Konfliktfeldern und sozialen Brennpunkten herausbildeten.

Die Entstehung von Graffiti und Street Art zeugen vom menschlichen Bedürfnis, neue Ausdrucksmittel zu finden. Jenseits der Diskussion um den künstlerischen Wert dieser Ausdrucksformen lässt sich festhalten, dass diese unbestritten die traditionellen Formen der Kunst im öffentlichen Raum in Frage stellen. Kunst außerhalb des abgesteckten Raums Museum oder Galerie wurde dem Anspruch nicht gerecht, komplexe soziale Realitäten der Stadt zu reflektieren oder zu begreifen. Es genügt nicht, das Format des Kunstwerks abzuändern oder es vor Witterung und Vandalismus zu schützen. Das Verständnis anderer, schon existierender Codes und Medien, die den Dialog mit einem anderen Publikum ermöglichen, ist von grundlegender Bedeutung, aber es ist vor allem wichtig zu begreifen, dass soziale, wirtschaftliche und kulturelle Konflikte ein Bedürfnis nach Expression schaffen.

Am genannten Beispiel der Arbeit von Félix González-Torres wird deutlich, wie einige Künstler immer neue Felder und Repräsentationsformen für die Darstellung des historischen Kontexts des eigenen Lebensumfelds finden. Zwar beherrschte González-Torres auch die Codes der traditionelleren (institutionalisierten) Kunst, aber seine Beschäftigung mit Themen wie dem Gesundheitssystem führte ihn zum Erschließen neuer Räume (der Straße), zum Einsatz neuer Medien (Fotografie und Text) und zur Schaffung eines neuen Publikums außerhalb der traditionell kunstinteressierten Kreise.

Geschichte, Erinnerung und Monument verschmelzen im öffentlichen Raum zu einem der spannendsten und kontroversesten Felder der zeitgenössischen Kunst. Künstler, die außerhalb der Mauern von Museen und Galerien agieren, sind zusammen mit ihrem Werk schwierigen Umweltbedingungen, den Anforderungen eines größeren Raums und der Gefahr des Vandalismus ausgesetzt und bewegen sich mit ihrer Arbeit außerdem in einem Raum, in dem politische Kräfte zusammenfließen, die oftmals nicht Hand in Hand mit der künstlerischen Aussage gehen. Zudem müssen sowohl Codes eingesetzt werden, die vom Publikum im öffentlichen Raum aufgenommen werden können, aber auch ein Zugang zu den gängigen Codes der Kunstwelt geschaffen werden. Daher bedarf eine Arbeit, die für den öffentlichen Raum bestimmt ist, der vorhergehenden Ausarbeitung einer Strategie und der sorgfältigen Vorbereitung seitens des Künstlers.

Für die Arbeit im öffentlichen Raum muss der Künstler vorab den Ort sowie das zu bearbeitende Thema untersuchen. Dazu gehört das Sammeln bzw. Sichten von Daten, Fotoarchiven, Zeitungsartikeln, Kartografie, das Führen von Interviews mit Ortsansässigen, sowie Besichtigungen vor Ort. So erhält der Künstler sein Werkzeug zum besseren Verständnis sowohl des Orts als auch seines Publikums. Mithilfe der ihm zur Verfügung stehenden Medien versucht der Künstler, Geschichten und Menschen in den Radar der Geschichte einzubeziehen. So erkundet er nicht nur neues Territorium für seinen Ausdruck, sondern verwendet auch neue Sprachsysteme und bindet ein Publikum ein, das sich aufgrund sozialer und ökonomischer Umstände üblicherweise außerhalb der Reichweite des Kulturbetriebs befindet.

Die alten Römer prägten den Begriff des Genius Loci, dem Geist eines Ortes. Für sie waren alle Orte von einem Wesen oder Geist erfüllt, der eine Schutzfunktion ausübte. Es wurde großer Wert darauf gelegt, vor jedwedem Eingriff in einen Ort mit dieser Wesenheit in Dialog zu treten. Dies entspricht in gewisser Weise dem Ansatz der Arbeit „Bridge/Puente” von Francis Alys und ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein Künstler den Genius Loci eines Ortes begreift.

Die Arbeit aus dem Jahr 2006 hatte zum Ziel, eine Brücke zu schlagen zwischen der Stadt Havanna auf Kuba und Key West an der Küste Floridas in den USA. Die Brücke sollte aus Booten von Fischern beider Küsten zusammengesetzt werden. Die Fischerboote sollten, ausgehend von beiden Küsten, aneinandergereiht werden und sich schließlich auf halber Strecke im Meer treffen. Obwohl die Arbeit nie „erfolgreich“ fertiggestellt wurde, geht ihre Bedeutung weit über das Bild einer (un)fertigen Arbeit hinaus. Ihre eigentliche Stärke liegt in der Art und Weise, wie Alys ausgehend von einem politischen Konflikt (Kuba – USA), den geografischen Gegebenheiten (das Meer, das die beiden Küsten voneinander trennt), der Bevölkerung (kubanische und US-amerikanische Fischer) und mithilfe zur Verfügung stehender Arbeitsmittel (die Fischerboote) die fiktive Möglichkeit erkundet, den Konflikt mit dem Bau einer Brücke zu lösen. Als nicht fertiggestellte Brücke repräsentiert die Arbeit somit einen noch nicht beigelegten Konflikt zwischen zwei Staaten.

Alles, was wir tun, hinterlässt Spuren: was wir essen, wie wir uns kleiden, wie wir uns fortbewegen. Aber es sind unsere Ausdrucksformen, beispielsweise die bildenden Künste, die Musik, der Tanz, das Theater, die uns Werkzeuge zum Verständnis und zur Reflexion unserer zukünftigen Denkweisen an die Hand geben. Hierin liegen der große Wert und die Verantwortung, die hinter kulturellen Äußerungen stehen. Walter Benjamin sagte, die Vergangenheit könne niemals ausgelöscht oder einfach zurückgelassen werden, sie werde immer den Dingen zugrunde liegen. Mithilfe von Codes und Elementen einer plastischen Sprache kommuniziert der Künstler heute Ereignisse und Denkweisen an künftige Generationen.

Die Möglichkeit, uns mit unseren Erinnerungen und unseren Konflikten auszusöhnen, sollte in jeder demokratischen Gesellschaft gegeben sein. Daher ist es wichtig, dass es Künstler gibt, die von Grenzen aus arbeiten – dort, wohin die Kunst sich ausdehnt und eher inkludierend als exkludierend wirkt. Ausgehend von einem Werk, das in einem bestimmten soziokulturellen Kontext entsteht und sich in ein bestimmtes Territorium oder einen geografischen Raum eingraviert, kann eine facettenreiche kulturelle Landkarte ausgearbeitet werden. Das Gedächtnis ist etwas, das es uns erlaubt, uns als Menschen zu verstehen, und es bietet uns einen Kontext, innerhalb dessen wir unsere Rolle in einer Gesellschaft und einem Kulturkreis besser begreifen und somit unsere Pflicht als Individuen erfüllen können. Das Verzeichnis dieser Erinnerungen wird es möglich machen, dass die Geschichte uns eines Tages viel stärker als Quelle der Reflexion dienen kann.

Manche Künstler gehen eine Verpflichtung ein, die über den Ausdruck von Ideen und eigenen Erfahrungen hinausgeht. Ihre Arbeit wird zu einer Reflexion über das Leben, ausgehend von der Erfahrung des Alltäglichen in einem bestimmten sozialen und kulturellen Kontext. Antonio Palomino, Autor einer Biografie von Diego Velázquez, sagte, dass den Maler nicht der tägliche Lohn interessiere, sondern vielmehr Ruhm und Ehre nach dem Tod. So betrachtet reicht die Verpflichtung des Künstlers weit über sein unmittelbares Dasein hinaus.

Dies erscheint paradox, sind doch die Fotografien von González-Torres oder die aus Fischerbooten bestehende Brücke von Alys nur kurzweilig und flüchtig. Nichtsdestotrotz wird das Agieren in immer stärker kontrollierten und überwachten Räumen, das nicht aus einer Perspektive des Vandalismus oder der Gewalt entsteht, zu einem mächtigen Werkzeug, mit dem der öffentliche Raum zu einem Ort der Reflexion über gesellschaftliche Realitäten transformiert werden kann. Die Kunst hat also begonnen, sich alltägliche Räume zurückzuerobern, und sie zu einer Kulisse zu machen, vor der der menschliche Geist wachsen kann.

Roberto Uribe Castro

Roberto Uribe Castro studierte Architektur an der Universidad de los Andes in Bogotá. Er hat einen Master in Raumstrategien der Kunsthochschule Weißensee Berlin. Derzeit arbeitet er für die NGO Stadtgeschichten an Projekten im öffentlichen Raum in Berlin, Rom und Bogotá.

www.robertouribecastro.com

Manuel Cabrera

Manuel Cabrera wurde 1986 in Mexiko Stadt geboren. Er studierte Grafikdesign an der Universidad Iberoamericana. Zur Zeit arbeitet er als freischaffender Grafikdesigner und Illustrator, während er dabei ist, ein zweites Studium in Architektur zu beenden.

Januar 2014
© Santacruz International Communication

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