Text
Medina Hadžihasanović-Katana,
Bosnien und Herzegowina

Illustration
// hope //
Manuel Cabrera,
Mexiko

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// Die Rekonstruktion kulturellen Erbes und ihre Bedeutung für die Versöhnung //

In jedem Dorf und jeder Stadt gibt es Gebäude, deren Bedeutung weit über ihren materiellen Wert und Nutzen hinausgeht. Man könnte sie als „Hüter der Erinnerung“ bezeichnen. Sie bereichern Städte mit ihrem Charme und stiften gleichzeitig Identität. Ihre Schönheit zieht die Menschen unwillkürlich in ihren Bann. Sie erzählen Geschichten von der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Die spezielle Wahrnehmung dieser Orte rührt von ihrer Verwurzelung in der Identität und dem Zugehörigkeitsgefühl der Menschen. Jeder Sakralbau, jede Bibliothek, jedes Museum hütet und bewahrt Erinnerungen. Wenn ein solches Gebäude beschädigt oder zerstört wird, sollte es so schnell wie möglich wieder zurück ins Leben geholt und wieder aufgebaut werden.

Bosnien und Herzegowina war bekannt als ein Land, in dem Menschen unterschiedlicher Religionen und Nationalitäten harmonisch zusammenlebten und sich gegenseitig respektierten. Religiöse Feiertage wurden gemeinsam gefeiert, und in Sarajevo und anderen bosnischen Städten standen Moscheen, Kirchen und Synagogen dicht nebeneinander. Dieser religiöse Pluralismus konnte jedoch die destruktiven Kräfte, die das Land 1992 in den Krieg führten, nicht aufhalten. Er wurde instrumentalisiert, um die Teilung des Landes und seiner Bewohner voranzutreiben.

Der Krieg gegen das multikulturelle Bosnien und Herzegowina dauerte von 1992 bis 1995 an. Mehr als hunderttausend Menschen wurden getötet. Über eine Million Menschen wurden vertrieben. Für ein Land mit vier Millionen Einwohnern sind diese Zahlen verheerend. Unter ständigem Beschuss wurden große Teile von Sarajevo und Mostar in Schutt und Asche gelegt. Etwa 1.500 Moscheen in Bosnien und Herzegowina, viele davon zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert erbaut, wurden gesprengt, durch Granatenbeschuss beschädigt, oder niedergebrannt. Die Ferhadija-Moschee in Banja Luka und die Aladza-Moschee in Foca gehören zu den berühmtesten der zerstörten Meisterwerke. In Sarajevo wurden die Gebäude, in denen das Orientalische Institut und die Nationalbibliothek mit bedeutenden Manuskripten und wertvollen Büchern untergebracht waren, mit Phosphorgranaten in Brand geschossen. Am Ostufer des Flusses Neretva in Mostar wurden die Minarette der Moschee, die orthodoxe Kirche auf dem Hügel, die alten Geschäfte auf der Kujundziluk-Straße und andere Wahrzeichen der Stadt nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut. Der härteste Schlag für die Stadt war allerdings die Zerstörung der alten Mostar-Brücke. Ein universelles Symbol der Kultur des Landes, das große Bedeutung für alle Bewohner hatte, war nicht mehr existent. Die Welle des Wiederaufbaus, die nach der massiven Kriegszerstörung durch Bosnien und Herzegowina ging, war nicht überraschend. Diese war – und ist – der Versuch, das wiederherzustellen, was unrettbar verloren war.

Die UN-Sonderberichterstatterin Farida Shaheed betont, dass die „Zerstörung kulturellen Erbes im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen bedeutende Auswirkungen auf die Menschenrechte hat. Das Recht auf nicht-stereotypischen Zugang zum kulturellen Erbe Anderer ist insbesondere nach Krisensituationen außerordentlich wichtig. […] Friedenskonsolidierungsprozesse sollten die Wiederherstellung des kulturellen Erbes unter der Mitwirkung aller Beteiligten einbeziehen und den interkulturellen Dialog bezüglich des kulturellen Erbes fördern.“ In einem solchen Fall ist das Bedürfnis, zerstörte Gebäude wieder aufzubauen, als symbolischer Akt zu sehen und gleichzusetzen mit dem Bedürfnis, eine offene Wunde zu verarzten. Hierbei wurden architektonische Fragen aufgeworfen, aber es drehte sich noch viel mehr um die Wiederherstellung menschlicher Würde und Identität. Unter diesen Umständen können Architektur und kulturelles Erbe nicht nur als materielle Zeugen betrachtet werden, sondern als Symbole des Überlebens. Die Rekonstruktion zerstörter Gebäude und Strukturen hilft bei der Wiedererlangung menschlicher Würde und gegenseitigen Respekts und macht eine Versöhnung möglich.

Die alte Brücke in Mostar wurde im 16. Jahrhundert erbaut. Die steinerne Bogenbrücke verbindet die mittelalterlichen Türme und orientalischen Geschäfte auf beiden Uferseiten miteinander. Nach tagelangem Bombardement stürzte die Brücke am 9. November 1993 schließlich über dem Fluss Neretva ein. Im Rahmen des Programms ‚Mostar 2004’ wurde sie wieder aufgebaut. Im Laufe des zehnjährigen Programms wurde die Stadt Mostar zum Treffpunkt für die Menschen aus Bosnien und Herzegowina sowie für viele internationale Organisationen wie die Weltbank, UNESCO, die Aga-Khan-Stiftung und IRCICA, die das Projekt finanziell oder beratend unterstützten. Der Wiederaufbau in Mostar brachte auch neue Informationen über die Entstehung der Brücke ans Licht und bot so neue Möglichkeiten, die Geschichte des Ensembles zu präsentieren. Das Areal um die alte Brücke wurde im Juni 2005 in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Heute zählt es zu den meistbesuchten Orten in Bosnien und Herzegowina.

Die Stadt Stolac, die 1993 fast vollständig zerstört wurde, ist ein weiteres wichtiges Beispiel. Im Gegensatz zu Mostar, wo die Zerstörung auf Granatenbeschuss zurückging, wurden die Moscheen von Stolac mit Dynamit gesprengt. Die Trümmer der Moschee wurden im Fluss und auf Schuttabladeplätzen entsorgt. Die meisten Häuser, alt wie neu, wurden in Brand gesetzt. Im Sommer 2001 war ich zum ersten Mal in Stolac, das damals noch eine Geisterstadt war – nur wenige Menschen waren in ihre teilweise wieder aufgebauten Häuser zurückgekehrt, aber sie lebten dort in Angst. Der Wiederaufbau begann mit der Rekonstruktion der Charshiyska-Moschee. Sie wurde 1519 im Stadtzentrum errichtet und war die größte und schönste Moschee der Umgebung. 1993 wurde sie zerstört, und im Jahr 2003 wurde der Wiederaufbau abgeschlossen. Einige der Originalsteine wurden aus den entsorgten Trümmern gerettet. Die Funde wurden sorgfältig dokumentiert und an elementaren Stellen in der rekonstruierten Moschee verbaut. Die Einwohner, die wieder nach Stolac zurückkehrten, waren aktiv in diesen Prozess eingebunden. Stein für Stein wurde die Moschee wieder aufgebaut, und als sie wieder Gestalt annahm, wuchs in den Menschen ein Gefühl von Stolz und das Lächeln kehrte zurück in ihre Gesichter. Die Erniedrigung, die mit der Zerstörung des Stadtplatzes, der Moschee, des alten Gästehauses Musafirhana, den Geschäften und vieler weiterer Gebäude einherging, wurde nach und nach durch neu gefundene Zuversicht ersetzt.

Ein weiteres Ereignis, das den Bürgern von Sarajevo und Bosnien-Herzegowina immer im Gedächtnis bleiben wird, ist der Brand des Rathauses von Sarajevo. Hier wurden Spezialsammlungen, seltene Manuskripte, Bücher und andere bedeutende Artefakte aus der Nationalbibliothek von Bosnien und Herzegowina gelagert. In einem dreitägigen Inferno vom 25. bis 27. August 1992 brannte die Bibliothek nieder und etwa 90 Prozent ihres Bestands von den Flammen vernichtet. Bibliotheksmitarbeiter und die Bürger der Stadt bildeten eine Menschenkette, um die Bücher aus dem brennenden Gebäude in bereitgestellte LKW zu transportieren. Diese Menschen setzten ihr Leben aufs Spiel, um die Nationalbibliothek zu retten. Große Teile des Bestands sind dennoch dem Brand zum Opfer gefallen.

Das Rathaus von Sarajevo befand sich über mehrere Jahre im Wiederaufbau und soll am 9. Mai 2014 wiedereröffnet werden. Da das Gebäude ursprünglich nicht für die Nutzung als Bibliothek bestimmt war, wird nur ein Teil davon von der Nationalbibliothek von Bosnien und Herzegowina eingenommen werden. Der restliche Teil des Gebäudes wird ein Museum sowie Räumlichkeiten für die Stadtverwaltung beherbergen. Die bosnischen Bibliothekare bemühen sich um die Wiedererlangung der Sammlungen, die im August 1992 in den Flammen zerstört wurden. Der weitreichende Schaden zeigt sehr deutlich, wie anfällig und gefährdet Manuskripte und Schriften sind.

Es gibt zahlreiche weitere Beispiele für den Wiederaufbau von kulturellem Erbe weltweit. All diese Projekte haben eines miteinander gemein: Sie bringen das zurück, was schon verloren geglaubt war. In kriegsgebeutelten Gesellschaften können sie sogar Versöhnung stiften. Wie ist das möglich? Wenn zerstörte Gebäude und Plätze wiederaufgebaut oder beschädigte Dokumente wiederhergestellt werden, geht von ihnen die Botschaft aus, dass die Zerstörer ihr Werk der Vernichtung nicht vollenden konnten und dass gegenseitiger Respekt in Zukunft wiedererlangt werden kann.

Da potenzielle Gefahren nicht vorhergesehen werden können, sollten wir alle das tun, was uns möglich ist, um unser Erbe zu bewahren und zu würdigen. So werden wir nicht nur selbst vertrauter mit unseren individuellen Fähigkeiten, sondern lernen auch voneinander und knüpfen positive Verbindungen. Diversität bereichert unser Leben und muss auch an zukünftige Generationen weitergegeben werden.

Medina Hadžihasanović-Katana

Medina Hadžihasanović-Katana ist Architektin und war im Laufe der letzten zehn Jahre in etwa dreißig Wiederaufbauprojekte des baulichen Kulturerbes in Bosnien und Herzegowina eingebunden. Sie hat in Sarajevo Architektur studiert und hat außerdem an der Universität Katalonien einen Masterabschluss erlangt. Derzeit arbeitet sie an ihrer Dissertation an der TU Berlin. Von 2003 bis 2009 leitete sie das Weltkulturerbezentrum des “Internationalen Forums Bosnien”. Seit 2009 ist sie Beraterin im Ausschuss für die Bewahrung der Nationaldenkmäler in Bosnien und Herzegowina.

Manuel Cabrera

Manuel Cabrera wurde 1986 in Mexiko Stadt geboren. Er studierte Grafikdesign an der Universidad Iberoamericana. Zur Zeit arbeitet er als freischaffender Grafikdesigner und Illustrator, während er dabei ist, ein zweites Studium in Architektur zu beenden.

April 2014
© Santacruz International Communication

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