Text
Paola Encarnación Sandoval
Mexiko

Illustration
// MELENCOLIA MMXIV //
Manuel Cabrera
Mexiko

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// Worte aus der Ferne //

In den frühen Jahren des 17. Jahrhunderts schrieb Lope de Vega in El peregrino en su patria, dass die wahre Heimat da ist, wo das Gute liegt. Dieser kurze Sinnspruch, der laut Aussage des Dichters auf Apuleius und Cicero zurückgeht, definiert das Konzept der Zugehörigkeit des Menschen nicht als Gebundenheit an einen bestimmten Ort, sondern an die Koordinaten seiner Gefühlswelt. In den Augen Lope de Vegas ist die Entfernung zwischen dem Abwesenden und seiner Heimat nicht in Kilometern messbar, sondern liegt zwischen dem, was dieser zurücklässt (seine Sprache, sein Heim, seine Liebsten, Geschmäcker und Gerüche), und allem Neuen, was ihm auf seinem Weg bevorsteht. Weit weg zu sein von der Heimat ist eine Erfahrung, die seit jeher in der Literatur verarbeitet wird – vor und nach Lope de Vega haben zahlreiche Autoren unter diesen besonderen Umständen geschrieben.

Die Erfahrungen in der Fremde werden in unterschiedliche literarischen Formen verwandelt: Prosa, Lyrik, Essays oder Briefwechsel. Von welcher Seite auch immer der Schriftsteller sich dem Thema annähert, immer ist ihm die Literatur eine treue Begleiterin durch die Fremde. So schrieb Ovid in einem seiner Briefe aus dem Exil in Tomis (im heutigen Rumänien), in das er aufgrund seiner Liebesgedichte verbannt wurde, dass er seinen einzigen Trost in der Dichtung fand: “Sie ist mir die einzige Gefährtin in der Verbannung; sie fürchtet weder Hinterhalt noch das Schwert des […] Soldaten, noch Meer oder Wind, noch die Barbarei” (1). Mit dem Schreiben lenkte der Dichter sich von seinen Sorgen ab. Er schrieb aber auch, um sich seinen Liebsten näher fühlen zu können und ihnen von seinen Erlebnissen und Sehnsüchten zu erzählen an diesem fernen Ort, der ihm als das Ende der Welt erschien. Ovid kehrte nie aus dem Exil zurück. Nach vergeblichen Gnadengesuchen starb der Dichter fernab von seiner Sprache und Kultur in der Verbannung. Seine Briefe aber bezeugen, dass die Einsamkeit des Exils, eine der radikalsten Formen des Getrenntseins von der Heimat, niemals absolut ist, solange die Entfernung mit Worten überbrückt werden kann.

Der vertrauliche Ton des Briefs gewährt Zugang zu einer privateren Seite des Dichters. Ovid zeigte sich eher als Mensch denn als Dichter, nicht umgekehrt. Obwohl der Briefwechsel eine der effektivsten Antworten der Literatur auf das Leben fernab der Heimat ist, ist er nicht die einzig mögliche Ausdrucksform. Einige der bedeutendsten spanischsprachigen Autoren haben Wege gefunden, ihre Erfahrungen im Exil literarisch zu verarbeiten. So verbrachte Cervantes fünf Jahre in Gefangenschaft in Algier. Während seiner Zeit in unterschiedlichen Gefängnissen plante er mehr als einmal seine Flucht nach Spanien. Soweit bekannt ist, schrieb Cervantes während dieser Zeit noch nicht, sondern feierte erst nach seiner Rückkehr nach Madrid sein Debüt als Autor. Seine Erlebnisse in der Gefangenschaft manifestieren sich jedoch in den Motiven und Figuren seiner Stücke und Novellen und nicht zuletzt in seinem Roman Don Quijote, in den “Geschichten eines Gefangenen”. Cervantes gestaltet die Fiktion so, dass seine reale Erfahrung darin Platz findet. In seinen spannenden und erzählerisch makellosen Geschichten verschmilzt das Anekdotenhafte und Biografische mit höchster Erzählkunst.

Zeit ist relativ für diejenigen, die fern der Heimat sind. Das Heimweh während einer fünfjährigen Gefangenschaft kann genauso schmerzhaft sein wie während einer fünfmonatigen Verbannung, wie im Fall des Dichters Garcilaso de la Vega, der zum Exil auf einer Donauinsel verurteilt wurde. Aus der Ferne schreibt er Gedichte über die Sehnsucht – nicht nach seinem Heimatland Spanien, sondern nach seiner Geliebten – nach der wahren Heimat, wie Lope de Vega sagen würde.

Wenn allein die Distanz (sei sie freiwillig oder unfreiwillig) schon schmerzlich ist, so wird die Sehnsucht umso brennender, wenn die Liebe ins Spiel kommt. Es ist also die Liebe, die Garcilaso während seiner Verbannung am meisten quält. In seinen Gedichten bringt er etwas Urmenschliches zum Klingen – vielleicht ist das der Grund, dass seine Lyrik heute noch mit so viel Begeisterung rezipiert wird. Die emotionale Aufgeladenheit des Abwesenden, hier in lyrischer Form verdichtet, nimmt nicht ab mit der Zeit, sondern entflammt mit jedem Schreiben des oder der Geliebten aufs Neue.

Weit entfernt von der Heimat zu sein ist eine Erfahrung, die heute kaum anders ist als damals für Ovid, Cervantes oder Garcilaso. Die literarische Verarbeitung dieser Erlebnisse hat trotz sprachlicher Komplikationen und zeitlicher Hindernisse überlebt, denn sie ist etwas, was jeder kennt, der sich in seinem Leben einmal fremd gefühlt hat. Das Heimweh ist eng verknüpft mit historischen, gesellschaftsrelevanten Ereignissen, aber auch mit der alltäglichen Geschichte, die der Einzelne schreibt. Im Zeitalter der beiden Weltkriege – eine Zeit, die unserer Lebenswelt schon näher ist – mussten viele der großen europäischen Autoren alles hinter sich lassen und in einem fremden Land (mit mehr oder weniger Erfolg) ein neues Leben beginnen: Thomas Mann, Stefan Zweig, Primo Levi oder Joseph Roth.

Amerika hat seine eigene Geschichte des Exils. Vielleicht liegt es an der zeitlichen und räumlichen Nähe, dass wir Fluktuationen in beide Richtungen erkennen können: die, die gegangen sind und die, die gekommen sind. Aufgrund diktatorischer Regime sahen sich viele Menschen gezwungen, ihre lateinamerikanischen Heimatländer oder sogar den Kontinent zu verlassen. Nicht nur für jene, die auch vor dem Exil schon geschrieben haben, bedeuteten die neuen Lebensumstände oftmals einen Schub in Richtung ihrer literarischen Berufung. Worte halfen den lateinamerikanischen Exilanten bei der Wiederherstellung ihrer Identität und ihres Zugehörigkeitsgefühls.

Für viele Autoren, so wie für den Dichter Juan Gelman, war die Literatur nicht nur eine Weggefährtin in der Fremde, sondern ein Ventil für Ohnmacht, Unglück und Ungerechtigkeit. Nach einer gewissen Zeit schafft es der Mensch im Exil (beziehungsweise in einem fremden Land), der neuen Heimat einen Platz in seinem Herzen einzuräumen. Die Sehnsucht nach der alten Heimat bleibt zwar immer unterschwellig bestehen, aber sie wird auch teilweise überlagert von der Dankbarkeit und der Zuneigung gegenüber dem neuen Ort, von dem man aufgenommen wurde. So ist es einigen der spanischen Exilanten in den lateinamerikanischen Ländern ergangen.

Es gibt noch eine andere Art von Exilanten, nämlich diejenigen, die nicht von politischen, sondern von wirtschaftlichen Umständen zum Verlassen des Heimatlandes gezwungen werden; diejenigen, die ihr Stück Land und die teils schon entvölkerten Dörfer zurücklassen und auf der Suche nach einem besseren Leben die Grenze zu den USA überqueren, um dort jede Arbeit anzunehmen, die sie bekommen können. Ich werde nicht näher auf die Entbehrungen und Risiken eingehen, die sie auf dieser Reise auf sich nehmen. Eine Reise, die sie mit soviel Glauben und Entschlossenheit antreten, dass man sie mit einer Pilgerfahrt vergleichen könnte. Was ich für wichtig halte, ist dass die Sprache für mexikanische und mittelamerikanische Migrantinnen und Migranten eine Art von Zufluchtsort darstellt, wie es auch bei Ovid der Fall war. Noch ist nicht abzusehen, was mit den schriftlich festgehaltenen Erinnerungen dier Migranten, ihren Reflexionen in Romanform, ihren Gedichten oder Essays passieren wird. Das freiwillige Exil vieler Mexikaner ist zu etwas so Alltäglichem geworden, dass wir nicht die nötige Distanz haben, um ihre literarisch verarbeiteten Erfahrungen in der Fremde wertschätzen zu können. Bleibt hinzuzufügen, dass das Schreiben keinesfalls von der Bildfläche verschwunden ist und so bald auch nicht verschwinden wird (man muss sich nur vor Augen führen, mit welchem Eifer die Menschen heutzutage Nachrichten schreiben, sich auf Facebook mitteilen oder Informationen bei Twitter komprimieren und verbreiten). Die Literatur ändert sich, sie baut auf neuem Grund, und wird in ihren neuen Formen vielleicht insgesamt flüchtiger als auf bedrucktem Papier. Um die untrennbare Verbindung zwischen den Worten und denen, die in der Ferne sind, dokumentieren, begreifen und vor allem wertschätzen zu können, wird man in Zukunft keine Manuskripte durchforsten, sondern gründliche Online-Recherchen betreiben müssen.

Ich habe mich in diesem Text auf nur eine der zahlreichen Erfahrungs- und Lebenswelten konzentriert, die von der Literatur umspannt werden: die Erfahrung, weit weg von zu Hause zu sein. Die Sprache wird immer an unserer Seite sein und uns helfen, das was wir erleben und erträumen, zu erzählen und etwas daraus entstehen zu lassen. Unter unserem kritischen zeitgenössischen Blick werden viele Dinge in Frage gestellt – wenn man aber die Bedeutung und Nützlichkeit der Literatur anzweifelt, glaube ich kaum, dass ein einziges Argument gefunden werden kann, das ihre privilegierte Stellung in unserer Kultur und vor allem in unserer persönlichen Geschichte anfechten kann. Lesen und Schreiben tröstet und leistet Gesellschaft, regt an, nähert uns an die Sichtweisen anderer an, entschädigt uns für das, was wir nicht selbst durchleben können. Literatur bildet, aber das ist eigentlich nebensächlich – wichtig ist, dass sie unsere empfindsamsten, menschlichsten und leidenschaftlichsten Seiten nährt. Vielleicht ist es genau das, was wir in dieser schwindelerregenden Gegenwart zum Leben brauchen. Wir müssen lernen, die Liebe zur Literatur auf die konkreten Lebensumstände in einer komplexen und faszinierenden Gesellschaft umzulenken und nicht nur auf die Tradition zu fokussieren. Denn die Literatur wird, anders als andere Künste, aus der Magie der Worte des Alltags gemacht, und soll in den Lesenden etwas zum Klingen bringen. Sie ist nicht dazu da, gehütet und bewacht zu werden wie ein kostbares Exponat in einem Museum, denn das würde sie tatsächlich zu sterilem Wissen verkümmern lassen.

(1) Tristia, IV, I. […] sola comes nostrae perstitit illa fugae;
sola nec insidias, nec Sinti militis ensem,
nec mare nec ventos barbariamque timet.

Paola Encarnación Sandoval

Paola Encarnación Sandoval wurde 1987 in Mexiko-Stadt geboren und ist Doktorandin der Hispanischen Literaturwissenschaften am Colegio de México. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf der Poesie und Prosa des Siglo de Oro, sowie auf der Verknüpfung zwischen Medizin, Krankheit und Literatur.

Manuel Cabrera

Manuel Cabrera wurde 1986 in Mexiko Stadt geboren. Er studierte Grafikdesign an der Universidad Iberoamericana. Zur Zeit arbeitet er als freischaffender Grafikdesigner und Illustrator, während er dabei ist, ein zweites Studium in Architektur zu beenden.

Juni 2014
© Santacruz International Communication

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