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Hussam Zahim Mohammed
Irak

Illustration
// Keeper of Knowledge //
Manuel Cabrera
Mexiko

Kepper of Knowledge

// Wiege der Zivilisation: Irak aus der archäologischen Perspektive //

Vorgeschichte

Der Gedanke an das Land Irak ist eng mit seiner Geschichte verbunden: Es ist das Land der Hochkultur, der Erfindungen und der Entwicklung.

Um 10 000 v. Chr. haben die Menschen im Zweistromland (die Region zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris) das Nomadenleben aufgegeben. Sie sind sesshaft geworden und haben angefangen, Landwirtschaft zu betreiben und sich zu spezialisieren. Die Fähigkeiten Einzelner wurden zum Wohl der Gemeinschaft sowie zum eigenen Nutzen gezielt eingesetzt. Etwa ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. begann die Geschichte der Keilschriftkulturen. Fortan wurde auf Ton geschrieben. Die beschrifteten Tontafeln dienten damals als Kommunikationsmittel der altorientalischen Kultur und haben ihre Verbreitung ermöglicht.

Die Keilschrift

Die Keilschrift ist benannt nach den keilförmigen Eindrücken in Ton, aber auch in Stein, Metall, Wachs und andere Materialien. Zur Zeit der Sumerer und Akkader – wahrscheinlich in der Stadt Uruk – hatte man gegen Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. mit kleinen geformten und eingekerbten Tongebilden versucht, Zahlen und Rechnungen niederzuschreiben. Es kam zu einem entscheidenden Punkt der Schrifterfindung.

Zunächst bestand die Schrift aus Bildsymbolen, später wurde sie abstrakter. Geschrieben wurde auf feuchtem Ton und als Schreibinstrument wurde ein etwa 20 Zentimeter langer Griffel aus Schilfrohr mit scharfer Kante benutzt. Die Zeichen entstanden durch das Drücken des Griffels in den feuchten Ton und markieren den Beginn der Sprache der Sumerer. Der sich ausdehnende Handel im 3. Jahrtausend v. Chr. führte zur Weiterentwicklung der Schrift. Die neu entstandene Schriftart wurde Keilschrift genannt. Sie wird von links nach rechts gelesen. Die Schrift diente ursprünglich dazu, die staatliche Buchhaltung in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft zu gewährleisten.

Es gab Schreibschulen und Lehrbücher zum Erlernen der Schrift. Die Keilschrift erreichte ihre Vollendung um 2600 v. Chr. Später wurde die Schrift auch in den Bereichen der Verwaltung und Wirtschaft und für Urkunden, Kaufverträge, Briefe und andere Dokumente verwendet. Wichtig ist zu erwähnen, dass nicht jeder lesen und schreiben konnte. Vor dem 2. Jahrtausend v. Chr. gab es im Zweistromland keine andere Sprache. Es wurde neben der sumerischen die akkadische Sprache gesprochen, die dann später zur Hauptsprache (Umgangssprache) wurde. Doch die sumerische Sprache blieb bis zur Zeitenwende die Sprache der Gelehrten. Mit der Sprache begann das Volk des Zweistromlandes die ersten Gesetzestexte der Welt zu schreiben.

Der Codex Hammurapi ist eine der ältesten Gesetzessammlungen, die je gefunden wurden und zugleich eines der besterhaltenen Exemplare dieser literarischen Gattung in Mesopotamien (Irak). Der Text umfasst 281 Paragraphen zu unterschiedlichen Bereichen: zum Beispiel Familien- und Erbrecht, Körperverletzung, Haftung, Sklaven und Soldaten. Im Folgenden einige übersetzte Beispiele der Rechtssprüche: §195 besagt; „Wenn ein Sohn seinen Vater geschlagen hat, so schneidet man seine Hand ab“ oder §209 „Wenn ein Bürger eine Bürgertochter geschlagen und sie dadurch ihre Leibesfrucht verloren hat, so zahlt er 10 Sekel Silber für ihre Leibesfrucht“, §210 „wenn diese Frau stirbt, so tötet man seine Tochter“. Der Codex Hammurapi ist auf einem 2,25 m hohen schwarzen Basaltstein überliefert, der heute im Louvre zu besichtigen ist. Die Schrift erleichterte die Verwaltung ganzer Imperien, und sie wurde in vielen Sprachen von Generation zu Generation weitergegeben.

Monumentalbauten

Das Zweistromland beherbergte viele Königreiche, dessen Hinterlassenschaften bis zu unserer heutigen Zeit zu sehen sind, darunter das der Sumerer, der Assyrer, der Babylonier und anderer Großmächte.

Neben den großen Zentren Uruk, Ninive und Babylon gab es zu allen Zeiten kleine Gemeinden, Dörfer und auch Einzelgehöfte. Im Südirak wurden die Reste der ältesten Stadtmauer von Uruk aus der Zeit um 2700 v. Chr entdeckt. Innerhalb der Mauern lebten viele Menschen auf einer Fläche von 5,5 Quadratkilometern organisiert miteinander. Daher können wir für diese Zeit schon den Begriff „Stadt“ benutzen.

Ninive war eine der wichtigsten Städte Assyriens im Norden des heutigen Irak, zuletzt unter der Herrschaft Sanheribs, der sie während seiner Regierungszeit von 704-681 v.Chr. zur Hauptstadt ernannte. In diesem Zeitraum erlebte die Stadt ihre Blütezeit. 614 v. Chr., zur Zeit des neubabylonischen Reichs in Mesopotamien (Irak), vernichteten die Meder, zwei Stämme im Nordwesten Irans, und die Babylonier die Stadt Ninive vollständig. Zwei Tells (Hügel) bildeten das 4,4 x 2,1 Kilometer große Stadtgebiet, dessen Ruinen in der Neuzeit gefunden und ausgegraben wurden. Viele Ausgrabungsgegenstände wurden im National Museum of Irak und in verschiedenen Museen in Paris und London ausgestellt und somit tausenden Besuchern aus aller Welt zugänglich gemacht.

Eine babylonische Stadt des 2. oder 1. Jahrtausends wird durch Großbauten wie Fortifikationen, Tempel und Paläste charakterisiert. Das Neubabylonische Reich erreichte seine Blütezeit unter dem König Nebukadnezar II (605 – 562 v.Chr.). Die Stadt Babylon stellt ein prachtvolles Beispiel für die Zurschaustellung von Macht in der neubabylonischen Zeit dar. Aufgrund ihrer Großbauten wurde die Stadt als Weltwunder bezeichnet. Dies wird in tausenden von Keilschrifttexten belegt.

Babylon war das kulturelle, ökonomische und politische Zentrum der neubabylonischen Epoche. Die Ruine der Stadt liegt am Euphrat ca. 80 km südlich von Bagdad. Sie war eine der größten Städte des Altertums mit einer ummauerten Fläche von 890 Hektar. Bauten wie z. B. die mächtigen Mauern mit den Heiligen Toren, der Südpalast, die Ziqqurat (Etemenanki), Marduks Hauptheiligtum (Esangila) und das Straßensystem charakterisierten die damalige Hauptstadt der Babylonier. Aufgrund tiefgreifender politischer Veränderungen im Osten Mesopotamiens und des religiös motivierten Umzugs des babylonischen Königs Nabonid nach Teyma, ein Verehrungsort des Mondgottes Sin im heutigen Saudi-Arabien, konnte das persische Reich 539 v. Chr. die Stadt Babylon kampflos übernehmen. Die Imperien, die das babylonische Reich ablösten, waren das Hellenische und das Parthische Reich.

Die Gesellschaft in Mesopotamien entwickelte sich damals nicht nur im Bereich der Sprache, mit der Geschichten und Gedichte schriftlich überliefert wurden und im Bau großer Städte, sondern auch im Bereich der Politik, Wirtschaft, Religion und Kunst. Auf diese Aspekte bin ich nicht eingegangen, weil man über jeden einzelnen dieser Bereiche mehr als ein Buch schreiben könnte. Somit handelt es sich hierbei um meinen Versuch, Ihnen einen kleinen Einblick in die Geschichte Iraks, die mehrere Tausend Jahre zurückreicht, aus der archäologischen Perspektive zu vermitteln.

Heute…

Im Irak hatten Aufstände, Embargos und Kriege während der letzten 100 Jahre einen großen Einfluss auf die irakische Gesellschaft. Die Menschen werden bis heute permanent durch Politik und Kriege in Atem gehalten. Sie hatten nie die Möglichkeit, sich umfassend mit ihrer eigenen Kultur auseinanderzusetzen. Es gab keine Kooperationen zwischen Museen und Schulen oder Universitäten, und mit der Zeit ist das Interesse vieler Menschen an der eigenen Kultur in den Hintergrund gerückt. Die sehenswerten, einmaligen archäologischen Funde füllen die Museen in den Großstädten. Vor allem im National Museum of Irak werden Funde ausgestellt, die man nirgendwo sonst sehen kann. Aber aufgrund der geschilderten Umstände wird das Museum bedauernswerterweise nur von einer sehr geringen Zahl von Einheimischen besucht.

Auch historische Städte sind sehr vernachlässigt worden. Zum Beispiel wurde während der Regierungszeit Saddam Husseins versucht, die Stadt Babylon wiederaufzubauen. Dies blieb nicht folgenlos: danach wurde die Stadt aus der Liste des Weltkulturerbes entfernt. Nicht nur diese Stadt, sondern noch viele weitere, die schutzlos im Freien stehen, sind davon betroffen. So wurden zum Beispiel die Kulturstädte Nimrud und Ninive und das 1952 eröffnete Museum in Mossul vor einigen Wochen vom sogenannten „islamischen Staat“ zerstört.

Nicht nur ich, sondern viele Iraker, die im Land und im Ausland leben, haben den Wunsch, dass der Name Irak nicht mehr nur mit Kriegen und politischer Destabilisierung in Verbindung gebracht wird, damit das Land der Hochkultur wieder in altem Glanz erstrahlen und zum Ziel von Reisenden aus aller Welt werden kann.

Hussam Zahim Mohammed

Hussam Zahim Mohammed wurde 1987 in Bagdad geboren. Er lebt seit 2006 in Berlin und studiert im Master Vorderasiatische Archäologie an der Freien Universität Berlin. Seit 2014 ist er Vorstandsmitglied des irakischen Kulturvereins „Al Rafedain“ e. V. in Berlin. Er stammt aus einer Akademikerfamilie, in der Kultur sehr wertgeschätzt wird. Er war an verschiedenen Projekten beteiligt, und aktuell arbeitet er in der Türkei in einem von der Freien Universität Berlin geförderten Projekt (Nerik).

Manuel Cabrera

Manuel Cabrera wurde 1986 in Mexiko Stadt geboren. Er studierte Grafikdesign an der Universidad Iberoamericana. Zur Zeit arbeitet er als freischaffender Grafikdesigner und Illustrator, während er dabei ist, ein zweites Studium in Architektur zu beenden.

April 2015
© Santacruz International Communication

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